Sein Buch "Faktor Fünf" hat international Aufsehen erregt. Unser Magazin flow hat den Naturwissenschafter gefragt, was Energie-Effizienz zur Überlebensfrage macht, warum Energie teurer werden muss und was er von Stromunternehmen erwartet.
flow_Gegen den steigenden Energie- und
Ressourcenverbrauch scheint kein Kraut
gewachsen. Wenn man das weiterdenkt, wo
kann das enden?
Weizsäcker_Das kann zum Tod der Ökosysteme
führen.
flow_Was müsste geschehen, damit nachfolgenden Generationen nicht tatsächlich die
Lebensgrundlage entzogen wird?
Weizsäcker_Wir sollten lernen, effizient mit
Energie umzugehen. Das ist ohne Wohlstandsverlust
möglich. Allerdings geht das
nur, wenn Energie teurer wird.
flow_Energie ist zu billig?
Weizsäcker_ Auch wenn es auf den ersten
Blick nicht so aussieht und das Gefühl etwas
anderes besagt: In konstanter Währung
gerechnet ist Energie in den vergangenen
200 Jahren immer billiger geworden. Dieser
Abwärtstrend wurde nur kurzzeitig unterbrochen,
etwa durch die beiden Weltkriege
oder während der Energiekrise 1973. Das
ist aber jedes Mal überkompensiert worden
durch weitere Preisreduktionen. Dies gilt
übrigens auch für andere Ressourcen wie
Metalle oder Wasser.
flow_Was schlagen Sie vor?
Weizsäcker_Man sollte Energie jedes Jahr
gerade um so viel verteuern, wie die Effizienz
im vorhergegangenen Jahr zugenommen
hat. Dadurch bliebe die Nettobelastung
für die Haushalte gleich, sie würden aber
unterm Strich weniger Energie verbrauchen.
Zieht man das über einen Zeitraum von 50
oder 100 Jahren durch, wird eine Verfünffachung, Verzehnfachung, vielleicht sogar
eine Verzwanzigfachung der Energie-Effizienz
möglich.
flow_Mehr statt weniger Staat – ist es das, was
Sie fordern?
Weizsäcker_Richtig. Das ganze Geschehen
allein dem Markt zu überlassen, führt zu permanenten
Fluktuationen und zu Kapitalvernichtung.
Durch staatliche Vorgaben
könnte man aufzeigen, wohin die Reise
geht – auf zivilisierte und kalkulierbare
Weise. Nichts lieben Investoren so sehr wie
langfristige Vorhersehbarkeit.
flow_Warum die Koppelung mit dem Produktivitätsgewinn?
Weizsäcker_Weil damit einerseits ein sozial
ausgewogenes Agieren möglich wird. Die
ersten Kilowattstunden Strom pro Woche
könnte man deutlich billiger bepreisen als
die restlichen. Andererseits gibt es eine
Parallele in der Entwicklung von Arbeitsproduktivität
und Bruttolohnkosten. Beide
haben sich in den 150 Jahren Industriegeschichte etwa verzwanzigfacht. Aus dieser
Erfolgsgeschichte, durch die wir immer
reicher geworden sind, sollten wir doch lernen.
Bisher tut das nur keiner.
flow_Wie könnte man Stromunternehmen
dazu bringen, sparsamer mit dem kostbaren
Gut umzugehen? Schließlich leben sie vom
Stromverkauf.
Weizsäcker_Nehmen wir Kalifornien. Seit etwa 30 Jahren ist dort das Prinzip des "Least Cost Planning" wirksam. Stromunternehmen ist der Bau neuer Kraftwerke nur dann erlaubt,
wenn die Angebotslücke dadurch billiger
gedeckt werden kann als mit Effizienzmaßnahmen.
Die Stromkonzerne haben anfangs
fürchterlich dagegen gewettert. Dann haben
sie aber gemerkt, dass sie sehr viel Kapital
einsparen können. Ein neues Kraftwerk ist
schließlich immens teuer.
flow_Lassen sich die Menschen nur von Krisen
aufrütteln?
Weizsäcker_Ich versuche, ohne Krisengemurmel allein mit Ratio und Technologie
zu argumentieren. Aber es kann schon sein,
dass die Menschheit erst durch Krisen aufwacht.
Ernst Ulrich von Weizsäcker - Vordenker und Mahner
Ernst Ulrich von Weizsäcker (72)
ist einer der einflussreichsten Umweltexperten. Der Sohn des Physikers
Carl Friedrich von Weizsäcker und
Neffe des ehemaligen deutschen
Bundespräsidenten Richard von
Weizsäcker war unter anderem
Präsident des Wuppertal-Instituts
für Klima, Umwelt, Energie und saß
für die SPD im Bundestag. Seit 1991
ist Weizsäcker Mitglied des Club of
Rome, seit 2008 Träger des Deutschen
Umweltpreises.
Zu seinem Buch "Faktor Fünf"
In dem Buch "Faktor Fünf", das 2010
erschien, entwarf Weizsäcker mit den
Koautoren Karlson Hargroves und
Michael Smith ein Konzept für eine zukunftssichere
und umweltverträg liche
Wirtschaftspolitik. Weizsäcker hat an
mehreren Universitäten in Europa und
den USA gelehrt. Der diplomierte Physiker
und promovierte Biologe ist verheiratet
und Vater von fünf Kindern.
Das Buch "Faktor Fünf" ist u. a. hier erhältlich.
