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02. September 2011

Josef Werndl - Österreichs früher Wasserkraft-Pionier

Manche Dinge liegen auf der Hand, andere kennt man nur vom Hörensagen und manches erfährt man erst, wenn man nachrecherchiert. Wir haben uns gefragt, wo die Anfänge der Wasserkraft in Österreich liegen. Und sind auf Josef Werndl aus Steyr gestoßen.

Der aus Steyr stammende Josef Werndl war in den 1880er-Jahren eine schillernde Unternehmerfigur in Österreich. Er hatte von seinem Vater eine Waffenfabrik und Sägemühle übernommen und baute den Familienbetrieb bald zu einem Großunternehmen mit 6.000 Mitarbeitern aus. 1926 sollte daraus dann die Steyr-Werke AG, die spätere Steyr-Daimler-Puch AG werden.

Werndl baute neue Wohnhäuser für seine Arbeiter, zahlte hohe Löhne und sorgte für die kostenlose medizinische Betreuung seiner Arbeiter. Daneben übten die technologischen Entwicklungen seiner Zeit eine große Faszination auf ihn aus. 1881 kehrte er tief beeindruckt von der Pariser "Elektrizitäts-Ausstellung" zurück und begann die Stromerzeugung aus Wasserkraft zu fördern, auch um die schlechter werdende Auftragslage am Waffenmarkt auszugleichen.

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Elektrisches Licht für die Stadt Steyr
Von 2. August bis 30. September 1884 fand die "Electrische-Landes-Industrie-Forst und culturhistorische Ausstellung" in Steyr statt. Werndl ließ dafür zahlreiche Straßen und Plätze bis zum Ausstellungsort am Karl-Ludwig-Platz mit Glüh- und Bogenlampen erleuchten. In einem Teil der Straßen und Gassen verblieb das Gaslicht, um die Überlegenheit der elektrischen Beleuchtung zu demonstrieren. Neu war, dass die elektrische Energie anderes als bei vorangegangenen Ausstellungen in Wien und Paris, aus Wasserkraft stammte. Werndl baute die ersten leistungsfähigen Laufkraftwerke und Steyr war damit die erste größere Stadt in Österreich, die mit Strom aus Wasserkraft beleuchtet wurde.

Kaiser Franz Josef macht sich ein Bild
Am 19. August 1884 besuchte Kaiser Franz Josef die Ausstellung in Steyr und machte sich dabei ein Bild von dieser neuen Technik. Die Presse berichtete:

"'Eure Majestät! Die alte getreue Stadt Steyr fühlt sich höchst beglückt, Ihren allergnädigsten Kaiser und Herren nach Verlauf von 4 Jahren abermals in Steyr bewillkommnen und ehrfurchtsvollst begrüßen zu dürfen." Seine Majestät geruhte hierauf Folgendes zu erwidern: "Ich bin zum zweiten Male in die Stadt Steyr gekommen, um Ihre Ausstellung zu besichtigen. Die Stadt hat durch dieselbe Außerordentliches geleistet, und Ich wünsche derselben das Beste Gedeihen.' [...]

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General-Direktor Werndl geleitete den Kaiser durch das Vestibül und das Treppenhaus, welche mit Glühlichtlampen beleuchtet waren. Sodann begab sich seine Majestät, gefolgt von den Anwesenden, in das mit Kristalllampen sehr effektvoll elektrisch beleuchtete Palmenhaus und durchschritt dann trotz des strömenden Regens die Hauptsstraße der Ausstellung. [...] Der Kaiser ließ sich über die elektrische Beleuchtung Erklärungen geben. [...] Hierauf bestieg er beim Haupttor der Ausstellung den Wagen, um sich über den gleichfalls elektrisch beleuchteten Stadtplatz zur Ennsbrücke zu begeben und das prachtvolle Panorma der elektrisch beleuchteten Ennsufer sowie die Zentralstation für die elektrische Stadtbeleuchtung in der Heindlmühle anzusehen. [...]"

Bald nach Ende der Ausstellung wurden die Beleuchtungskörper in der Stadt allerdings wieder abgebaut. Werndl verlor das Interesse an elektrischem Strom, weil sich für seine Waffenfabrik ab 1886 mit der Einführung des Repetiergewehrs in der österreichisch-ungarischen Armee ein viel lukrativeres und risikoärmeres Geschäft machen ließ. Steyr versäumte damit den Einstieg in die Elektrifizierung für mehrere Jahrzehnte.