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25. Januar 2012

Ernst Ulrich von Weizsäcker im Experten-Interview

Sein Buch "Faktor Fünf" hat international Aufsehen erregt. Unser Magazin flow hat den Naturwissenschafter gefragt, was Energie-Effizienz zur Überlebensfrage macht, warum Energie teurer werden muss und was er von Stromunternehmen erwartet.

flow_Gegen den steigenden Energie- und Ressourcenverbrauch scheint kein Kraut gewachsen. Wenn man das weiterdenkt, wo kann das enden?

Weizsäcker_Das kann zum Tod der Ökosysteme führen.

flow_Was müsste geschehen, damit nachfolgenden Generationen nicht tatsächlich die Lebensgrundlage entzogen wird?

Weizsäcker_Wir sollten lernen, effizient mit Energie umzugehen. Das ist ohne Wohlstandsverlust möglich. Allerdings geht das nur, wenn Energie teurer wird.

flow_Energie ist zu billig?

Weizsäcker_ Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht und das Gefühl etwas anderes besagt: In konstanter Währung gerechnet ist Energie in den vergangenen 200 Jahren immer billiger geworden. Dieser Abwärtstrend wurde nur kurzzeitig unterbrochen, etwa durch die beiden Weltkriege oder während der Energiekrise 1973. Das ist aber jedes Mal überkompensiert worden durch weitere Preisreduktionen. Dies gilt übrigens auch für andere Ressourcen wie Metalle oder Wasser.

flow_Was schlagen Sie vor?

Weizsäcker_Man sollte Energie jedes Jahr gerade um so viel verteuern, wie die Effizienz im vorhergegangenen Jahr zugenommen hat. Dadurch bliebe die Nettobelastung für die Haushalte gleich, sie würden aber unterm Strich weniger Energie verbrauchen. Zieht man das über einen Zeitraum von 50 oder 100 Jahren durch, wird eine Verfünffachung, Verzehnfachung, vielleicht sogar eine Verzwanzigfachung der Energie-Effizienz möglich.

flow_Mehr statt weniger Staat – ist es das, was Sie fordern?

Weizsäcker_Richtig. Das ganze Geschehen allein dem Markt zu überlassen, führt zu permanenten Fluktuationen und zu Kapitalvernichtung. Durch staatliche Vorgaben könnte man aufzeigen, wohin die Reise geht – auf zivilisierte und kalkulierbare Weise. Nichts lieben Investoren so sehr wie langfristige Vorhersehbarkeit.

flow_Warum die Koppelung mit dem Produktivitätsgewinn?

Weizsäcker_Weil damit einerseits ein sozial ausgewogenes Agieren möglich wird. Die ersten Kilowattstunden Strom pro Woche könnte man deutlich billiger bepreisen als die restlichen. Andererseits gibt es eine Parallele in der Entwicklung von Arbeitsproduktivität und Bruttolohnkosten. Beide haben sich in den 150 Jahren Industriegeschichte etwa verzwanzigfacht. Aus dieser Erfolgsgeschichte, durch die wir immer reicher geworden sind, sollten wir doch lernen. Bisher tut das nur keiner.

flow_Wie könnte man Stromunternehmen dazu bringen, sparsamer mit dem kostbaren Gut umzugehen? Schließlich leben sie vom Stromverkauf.

Weizsäcker_Nehmen wir Kalifornien. Seit etwa 30 Jahren ist dort das Prinzip des "Least Cost Planning" wirksam. Stromunternehmen ist der Bau neuer Kraftwerke nur dann erlaubt, wenn die Angebotslücke dadurch billiger gedeckt werden kann als mit Effizienzmaßnahmen. Die Stromkonzerne haben anfangs fürchterlich dagegen gewettert. Dann haben sie aber gemerkt, dass sie sehr viel Kapital einsparen können. Ein neues Kraftwerk ist schließlich immens teuer.

flow_Lassen sich die Menschen nur von Krisen aufrütteln?

Weizsäcker_Ich versuche, ohne Krisengemurmel allein mit Ratio und Technologie zu argumentieren. Aber es kann schon sein, dass die Menschheit erst durch Krisen aufwacht.

Ernst Ulrich von Weizsäcker - Vordenker und Mahner

Ernst Ulrich von Weizsäcker (72) ist einer der einflussreichsten Umweltexperten. Der Sohn des Physikers Carl Friedrich von Weizsäcker und Neffe des ehemaligen deutschen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker war unter anderem Präsident des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt, Energie und saß für die SPD im Bundestag. Seit 1991 ist Weizsäcker Mitglied des Club of Rome, seit 2008 Träger des Deutschen Umweltpreises.

Zu seinem Buch "Faktor Fünf"

In dem Buch "Faktor Fünf", das 2010 erschien, entwarf Weizsäcker mit den Koautoren Karlson Hargroves und Michael Smith ein Konzept für eine zukunftssichere und umweltverträg liche Wirtschaftspolitik. Weizsäcker hat an mehreren Universitäten in Europa und den USA gelehrt. Der diplomierte Physiker und promovierte Biologe ist verheiratet und Vater von fünf Kindern.

Das Buch "Faktor Fünf" ist u. a. hier erhältlich.

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