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13. April 2012

Archivar in der Freudenau

Im zweiten Teil unserer Serie "Hüter der Geschichte" haben wir einen Blick zu Wolfgang Kellners Archiv im Kraftwerk Freudenau geworfen.

Tief im Bauch des Laufkraftwerks Freudenau lagert ein Teil der VERBUND-Geschichte - insgesamt 12 Kilometer Regalfläche voller Kisten, Aktenordner, Pläne, Bücher und Bilder winden sich durch die Archivräume des Kraftwerks.

Vom Techniker zum Archivar
Wie findet man sich zurecht? Ganz einfach, man fragt Wolfgang Kellner. Der freundliche und aufgeweckte Archivar zeigt den Weg durchs Dickicht.

Wolfgang Kellner arbeitet seit 1975 bei VERBUND. Zuerst in der Donaukraft als Lehrling zum technischen Zeichner tätig, arbeitet er später als Konstrukteur. Schritt für Schritt vertieft er sich zusätzlich in die Tätigkeit als Archivar.

"Mich hat schon immer die Betreuung eines Archivs interessiert. Zuerst habe ich nur gelegentlich mitgeholfen, irgendwann war ich dann selbst der Leiter", schildert uns Wolfgang seinen archivarischen Werdegang. Zu Beginn verwaltet er das Zentralarchiv der Donaukraft AG, dieses wird nach der Fusionierung zur VERBUND Hydro Power AG aufgelöst. Viele Dokumente und Pläne werden so auf unterschiedliche Standorte verstreut. Und einiges landet im Auslagerungsarchiv in der Freudenau bei Wien.

Mit dem Image eines verstaubten, huttragenden Archivars räumt Wolfgang auch auf: Denn in seiner Freizeit brennt er für American Football und macht jedes Spielfeld der VIKINGs mit seinem Team der "ground's keeper" zu einem farblichen Kunstwerk.

Eintauchen in die Tiefen der Geschichte
Nach einer kurzen Einführung geht die Reise in die Untiefen des Archivs los. Im Mikrofilmarchiv lagern unzählige technische Pläne auf Mikrofilm gebannt. "Bis zum Jahre 1996 wurde alles auf Mikrofilm abfotografiert und kann dadurch jederzeit wieder ausgehoben und ausgelesen werden. Gegen Ende der 90er beginnt langsam die Digitalisierung. Es geht schrittweise voran." Wolfgang Kellner weiß, wie viel Arbeit noch getan werden muss.

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Fotos, so weit das Auge reicht
Dann geht es weiter in den ersten Archivraum im Betriebsgebäude. Am Ende warten unzählige Fotos: Greifenstein, Ybbs-Persenbeug, Wallsee und viele weitere Kraftwerke wurden hier dokumentiert - ebenso Firmenfeierlichkeiten und Ausflüge.

Filmmaterial, das ursprünglich ebenso in der Freudenau beheimatet war, hat schon seine Weiterreise angetreten. Ungünstige Lagerbedingungen haben den Filmen zu schaffen gemacht. Dank Wolfgangs Engagement hat das Filmarchiv Österreich nun einige filmische Schätze für die Nachwelt gerettet. Darunter verbergen sich Juwele der Filmgeschichte Österreichs wie "Ybbs-Persenbeug – Porträt eines Donaukraftwerkes" oder "Lebendiger Strom". 

Vor allem das Kraftwerk Ybbs-Persenbeug, welches schon im zweiten Weltkrieg geplant wurde, erregte großes Aufsehen und wurde von "Berühmtheiten" der damaligen Zeit besucht, wie dem russischen Politiker Nikita Sergejewitsch Chruschtschow und Königin Juliana aus den Niederlanden. 

Tonnenweise Dokumente
Dann geht es weiter in die eigentlichen Dokumenten-Archive. Es riecht ein wenig salzig, fast wie am Meer, und es dröhnt. Hier warten tausende Kraftwerkspläne, Bücher, Dias und Kisten voller Dokumente und Verträge aus den unterschiedlichsten Abteilungen.

Um auch nichts zu verlieren, führt Wolfgang ein Entlehnungsbuch, damit für Mitarbeiter von VERBUND, die im Archiv Unterlagen ausheben lassen, immer klar ist, was gerade entlehnt ist und wo es gefunden werden kann. Ein Archiv braucht eben auch ein System.

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Der Blick in die Zukunft
Wie es in Zukunft weitergeht? Dank Wolfgangs Begeisterung für die Archivierung sieht die nähere Zukunft positiv aus. Einen Nachfolger gibt es allerdings noch nicht, Interessenten sind also herzlich willkommen. Schließlich muss diese wichtige Arbeit auch erledigt werden, denn jede Institution braucht ein Gedächtnis, um sich auch ihres eigenen Weges bewusst zu werden.

"Ich hoffe stark, dass sich auch in Zukunft jemand für diese ganz besondere Aufgabe begeistern kann. Das würde mich auch persönlich sehr freuen." Bis dahin schlichtet, sortiert und digitalisiert Wolfgang weiter. Denn so lange die Zeit vergeht, geht einem Archivar auch die Arbeit nicht aus ...