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03. Juni 2012

Auf Herz und Niere in Dürnrohr - Turbinen-Großrevision im Wärmekraftwerk

Der Frühsommer ist die ideale Jahreszeit für Arbeiten an einem Wärmekraftwerk. Wo ansonsten mit über 400 Megawatt der Jahresstromverbrauch von 600.000 Haushalten erzeugt werden kann, regieren Hämmer, Schweißgeräte und Fräsen.

Bis zu 240 Spezialisten (ca. 170 Dienstnehmer von Fremdfirmen und 70 VERBUND-Mitarbeiter) arbeiten heuer an der Revision und haben unter anderem das Herz der Anlage, die Dampfturbine, komplett zerlegt.


Strahlt im Sonnenschein: Das Wärmekraftwerk Dürnrohr im Tullnerfeld

Werksleiter Christof Kurzmann-Friedl erläutert uns mit leuchtenden Augen die ausgebreiteten Eingeweide des Kraftwerks. Die Umwandlung der Energie aus Kohle in elektrischen Strom ist keineswegs trivial. Das Material ist zum Teil enormer Hitze und gewaltigen Kräften ausgesetzt. Eine Turbinenschaufel dreht sich bis zu 3.000 Mal pro Minute. Die Beanspruchung hinterlässt sichtbare Spuren, die aber keineswegs außergewöhnlich sind. „Indem wir die Anlage zerlegen und genau untersuchen, können wir uns vergewissern, dass der Spezial-Stahl der weiteren Belastung stand hält“, erklärt Kurzmann-Friedl, der seit Anfang 2012 den VERBUND-Block in Dürnrohr leitet.


Christof Kurzmann-Friedl beim Größenvergleich Mensch-Maschine: die halbe Niederdruck-Turbine  

Die Maßnahme ist keine Alltäglichkeit. Eine Normalrevision dauert ca. 6 Wochen,  jedes 2. Jahr findet eine 3-wöchige Kurzrevision statt. Heuer  werden sogar 14 Wochen lang die Techniker durch den Wald aus Turbinenteilen, Abdeckgehäusen und Laufmetern voller Turbinen-Schaufelregalen huschen. Die Hochdruckturbine wurde komplett ausgebaut und dem Hersteller zur Wartung übergeben. Das 70 Tonnen schwere Teil wird mit einem Spezial-Tieflader antransportiert.

Die Turbine besteht eigentlich aus drei Teil-Turbinen, die wiederum jeweils bewegliche Teile enthalten. Hoch-, Mittel- und Niederdruckturbine sind so gekoppelt, um die Energie des heißen Dampfes optimal auszunutzen und zuerst in Bewegungsenergie sowie in Folge in elektrische Energie umzuwandeln. Das ausgeklügelte System erlaubt dem Kraftwerk Dürnrohr auch nach 25 Jahren einen Brutto-Wirkungsgrad von über 43 % bei der Stromgewinnung. Damit ist es nach wie vor im Spitzenfeld vergleichbarer Anlagen. 


Das Herz eines Kraftwerks ist die Turbine. Betriebsleiter Kurzmann-Friedl zeigt, wo der Dampf einströmt.

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Eventuell schon eine Vorlage für die heurigen Weihnachtskarten: das so genannte Tannenbaum-Profil. Hier werden die Turbinenschaufeln eingepasst.

Zeitgleich werden auch die Kohlemühlen überprüft. Damit der Brennstoff optimal verbrannt werden kann, muss die Kohle auf Staubkorngröße zerkleinert werden. Die Mühlen sieht man die Belastung von bis zu 600.000 Tonnen Kohle pro Jahr an: Was eigentlich eine kompakte Glockenform haben müsste, taugt bestenfalls noch als Guglhupf-Form. Hier muss nachgeschweisst werden.


Stark abgenutzt und dem Augenschein nach eine Gugelhupf-Form:


Frisch geschweißt und einsatzbereit:


Und so wird das so genannte Kohlependel, das wie ein Mörser wirkt, eingebaut:

Bei der Errichtung der Anlage wurde Umweltschutz groß geschrieben: Etwa ein Viertel der Investitionssumme wurde für Umweltschutzmaßnahmen ausgegeben, wie die Entschwefelung und die damalige Europa-Neuheit der Entstickung, Meldesysteme für Umweltdaten und Renaturierungen. Daher ist das weitläufige Kraftwerksgelände heute ein Rückzugsgebiet seltener Pflanzen und Kleinlebewesen und bester Beweis für die gute Nachbarschaft von Stromerzeugung und reichhaltiger Artenvielfalt.