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08. Juni 2012

Stefan Schleicher im Experten-Interview

Energie-Experte Stefan Schleicher plädiert für ein Umdenken beim Thema Energie: Wir sollten uns überlegen, woher unsere Energie kommt und wofür wir sie brauchen.

flow_ Die "Energiewende" im Sinne eines grundlegenden Umbaus des Energie-Systems ist in aller Munde. Ist eine solche notwendig und falls ja, was wären ihre wichtigsten Elemente?

Stefan Schleicher_ Das Energie-System in seiner heutigen Form ist nicht zukunftsfähig. Mit den derzeitigen Technologien die Nuklearenergie zu nutzen, ist auch finanziell nicht leistbar. Erdöl ist zwar noch für einige Zeit verfügbar, aber das Preisniveau wird sich über kurz oder lang etwa 200 US-Dollar pro Barrel annähern. Kohlekraftwerke stoßen an die Grenzen der Akzeptanz, weil sie nicht nur CO2 emittieren, sondern auch andere Schadstoffe. Den Ausbau der erneuerbaren Energien wiederum bremst die Staatsschuldenkrise. Das alles zwingt uns letztlich zu einer „Kopernikanischen Wende“ des Energie-Systems.

flow_ Wie meinen Sie das konkret? 

Stefan Schleicher_ Zurzeit fragen wir: Wo kommt die Energie her? Künftig müssen wir uns überlegen, wofür wir Energie brauchen. Wir können Gebäude so errichten, dass sie mehr Energie erzeugen, als sie benötigen. Wir haben guten Grund, uns eine Zukunft vorzustellen, in der alle notwendigen Energie-Dienstleistungen mit den halben derzeitigen Energiemengen erbracht werden können. Österreich deckt rund 30 % seines Brutto-Endenergiebedarfs mit erneuerbaren Energien. Gelingt es, den Bedarf zu halbieren, decken die Erneuerbaren bereits 60 %. Die künftige Struktur des Energie-Systems ist am ehesten mit dem Internet vergleichbar. Es wird nicht nur Konsumenten geben, sondern auch „Prosumer“, die selbst Energie erzeugen und in öffentliche Netze einspeisen.

flow_ Welche Rolle hat die E-Wirtschaft im Energie-System der Zukunft?

Stefan Schleicher_ Sie wird sich von den Monostrukturen wegbewegen, also ihr Geschäftsfeld erweitern. Zusätzlich zu Strom sollte unbedingt Wärme angeboten werden, eventuell auch Erdgas. Überdies könnten Energie-Unternehmen Tochterfirmen gründen, die hoch spezialisierte Dienstleistungen anbieten und etwa das Energie-Management großer Bürogebäude, Krankenhäuser oder Hotels übernehmen. 

flow_ Ein wichtiger Faktor bei der Energiewende sind die erneuerbaren Energien, deren Erzeugung stark schwankt. Es werden also Ausgleichs und Speichermöglichkeiten notwendig sein. 

Stefan Schleicher_ Wir lernen unsere ersten Lektionen im Umgang mit den erneuerbaren Energien. Es fehlt an Netzstrukturen für den Ausgleich und es fehlen die Kapazitäten, um die schwankende Erzeugung auszugleichen. In Europa denkt man dabei eher an Pumpspeicher, in den USA an elektrische. Dort werden Stromspeicher für Haushalte entwickelt, die über 4 Stunden 2 Kilowatt Leistung abgeben und nur 1.000 US-Dollar kosten sollen. Überdies geht es darum, die Nachfrage nach Energie ohne Komforteinbußen dem Angebot anzupassen. Dafür sind entsprechende Anreize notwendig, wie zeitabhängige Tarife. 

flow_ Wo sehen Sie die größten Hindernisse für die Energiewende?

Stefan Schleicher_ In den Köpfen. Wir haben uns daran gewöhnt, dass Energie zu jeder Zeit billig zur Verfügung steht, ohne nachzufragen, welche Geschichte diese Energie hat. Wohnungen mit Erdgas aus Sibirien zu heizen, sollte anachronistisch sein, künftig auch der Betrieb von Fahrzeugen mit Erdöl aus Nordafrika.

Univ.-Prof. Dr. Stefan Schleicher ist Professor am Wegener Zentrum für Klima und Globalen Wandel sowie am Institut für Volkswirtschaftslehre/Karl-Franzens-Universität Wien. Darüber hinaus ist er am Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO) tätig. Schwerpunkte seiner Forschung sind Modelle und Konzepte für zukunftsfähige Wirtschaftsstrukturen, vor allem in den Bereichen Energie und Klima.