19. Juni 2012

Faszination Wasserkraft

Andreas Kuchler, Mitautor des Buches "Wasserkraft. Elektrizität. Gesellschaft", erzählt im Interview über seine persönliche Faszination für die Wasserkraft und ihre Bedeutung für Österreich.

flow_Andreas, wie kam es zu der Idee bzw. zur Entstehung dieses Buchprojektes?

Andreas Kuchler_Die geschichtliche Entwicklung von Wasserkraftwerken war über Jahrzehnte hindurch stark von technischen Errungenschaften geprägt. Nun widmet sich VERBUND einer gesamtheitlichen Aufarbeitung der österreichischen Geschichte der Wasserkraft im internationalen Kontext. Das heißt, es wird erstmals der Fokus auch auf soziale, wirtschaftliche und politische Rahmenbedingungen der jeweiligen Epoche gelegt. Dabei werden die Auswirkungen auf die E(lektrizitäts)-Wirtschaft und insbesondere die Wasserkraft untersucht.

Der Anstoß für das Forschungsprojekt kam 2008 von Herbert Schröfelbauer, dem damaligen Vorstandsvorsitzenden der Wasserkraft-Tochter von VERBUND. Die Entwicklung der Projektidee griff mein Chef Robert Kobau auf. Vorstandsmitglied Ulrike Baumgartner-Gabitzer, als damals Zuständige für Forschung bei VERBUND, machte das Zeitgeschichte-Projekt schließlich möglich.


Archiv Korneuburg, März 2009: Hannes Leidinger, Oliver Rathkolb (v.l.)

flow_Wie stehst du persönlich zu dem Buch bzw. auch zum Thema Wasserkraft?

Andreas Kuchler_Grundsätzlich bin ich froh, in einem Unternehmen mitzuarbeiten, das sich kritisch mit seiner eigenen Vergangenheit auseinandersetzt. Das ist keine Selbstverständlichkeit und kann auch sehr unbequem sein. In der Publikation werden für VERBUND auch durchwegs unangenehme Themen aufgearbeitet: etwa das Kernkraftwerk Zwentendorf, oder das verhinderte Projekt Hainburg, aber auch diese Epochen sind Teil unserer Unternehmensgeschichte.

Vom wissenschaftlichen Team rund um die Historiker Professor Oliver Rathkolb, Dozent Hannes Leidinger und Richard Hufschmied habe ich sehr viel gelernt. In den knapp fünf Jahren intensiver Projektarbeit sind wir richtig zusammengewachsen, obwohl jeder von uns ganz andere Zeitspannen bearbeitete. Auch wenn man sich intensiv mit der Vergangenheit beschäftigt, kann man sehr viel an persönlichen Erfahrungen und Erkenntnissen in die Gegenwart und in die Zukunft mitnehmen.

Als Kommunikationsbeauftragter der VERBUND Hydro Power AG ist die Wasserkraft und die kritische Auseinandersetzung mit der Branche „tägliches Brot“ für mich. Nicht jedes Projekt wird von Beginn an in der Öffentlichkeit gut geheißen. Die Tochtergesellschaft treibt aktuell zahlreiche Projekte im In- und Ausland voran. Wir erleben gerade einen Aufschwung der Wasserkraft. Es werden wieder neue Anlagen in Betrieb genommen, alte revitalisiert und zukunftsfit gemacht. Ich finde es sehr spannend in dieser Phase hier mitzuarbeiten.


Archiv Freudenau, März 2009: Richard Hufschmied, Andreas Kuchler, Wolfgang Kellner (v.l.)

flow_Welches Detail aus der Entstehung des Buches ist dir besonders in Erinnerung geblieben?

Andreas Kuchler_Das waren ganz klar die zwei Tage des Oral History Workshops – die Zeitzeugen-Befragung. Zehn ehemalige Führungskräfte der österreichischen Elektrizitätswirtschaft der 1960er- bis 1990er-Jahre standen Rede und Antwort. Viele von den Herren – leider waren keine Damen dabei – sind schon einige Jahre im Ruhestand. Durch diesen zeitlichen Abstand zum aktiven Berufsleben haben die Zeitzeugen meiner Meinung nach sehr ehrlich und ungezwungen über ihre Erlebnisse berichtet. Wir haben alle Interviews transkribiert. Das sind fast 300 A4-Seiten. Nur die wesentlichsten Fakten konnten im Buch verarbeitet werden, aber wir haben zumindest einen großen Teil der jüngsten österreichischen Energie-Geschichte so für die Zukunft sichern können.
Ein weiteres Highlight war die Digitalisierung von über 40.000 historisch wertvollen Foto- und Bilddokumenten. Damit ist es uns gelungen, unsere eigene Geschichte ins digitale Zeitalter zu retten. Ein wertvoller Schatz, der uns nun zur Verfügung steht.


Juli 1943 Bau der Druckrohrleitung Kaprun Hauptstufe

flow_Warum ist die Wasserkraft speziell für Österreich prägend?

Andreas Kuchler_Ein klarer Vorteil Österreich als Wasserkraftland sind die naturräumlichen Gegebenheiten. Ausreichend Niederschlag, viele Flüsse und genügend Reliefenergie – sprich Fallhöhe, um die Kräfte des Wassers optimal für die Stromerzeugung zu nutzen. In Europa können uns dabei nur Norwegen und die Schweiz das „Wasser reichen“.

Vor allem in der Nachkriegs- und Wiederaufbauzeit wird der Ausbau der Wasserkräfte in Österreich geradezu mythologisiert. Man spricht von den „Helden von Kaprun“, die der jungen Zweiten Republik ihre Identität und Daseinsberechtigung zurückgeben. Der Ausbau der Wasserkraft wird in den 1960er- bis 1980er-Jahren zum wirtschaftlichen Erfolgsmodell und schafft tausende Arbeitsplätze.

In der jüngeren Geschichte der österreichischen Elektrizitätswirtschaft kommt noch hinzu, dass sich die österreichische Bevölkerung per Volksabstimmung gegen die Kernenergie ausspricht und in weiterer Folge eines der vehementesten Atomkraft-Ablehner-Länder in Europa wird. Das gab der Wasserkraft kurzfristigen Auftrieb. Erst die Umweltbewegung und das verhinderte Donaukraftwerk Hainburg setzt dem weiteren Ausbau der Wasserkraft ein vorläufiges Ende.


1978 Bruno Kreisky in Zwentendorf

 

Details aus dem Buch:

Vor rund 120 Jahren wurde Wasser zu Licht

Erste Versuche zur Beleuchtung mit Strom aus Wasserkraft gab es bereits 1880 in Kennelbach in Vorarlberg und in Steyr in Oberösterreich. Josef Wendl beleuchtete ganze Teile von Steyr 1884 bei der „Electrischen Landes-, Industrie-, Forst-und culturhistorischen Ausstellung“ mit der Fließkraft des Wassers. Damals wurde noch vom „weißen Gold“ gesprochen. Steyr galt somit als erste Stadt in Europa, die Dank Wasserkraft erstrahlte.

In Vorarlberg besaßen die Textilfabrikanten „Jenny&Schindler“ Wasserkraftwerke in Andelsbuch, Rieden und Dornbirn, die mittels Hochspannungsleitungen verbunden wurden. Der Grundstein für einen gesamten Industriezweig in Vorarlberg wurde früh gelegt: die Stickerei. Die spätere Vorarlberger Kraftwerke AG formierte sich aufgrund des Innovationsgedankens von „Jenny&Schindler“.


März 1925 Eröffnung Kraftwerk Arnstein

1918 war das Wendejahr der österreichischen Wasserkraftgeschichte

Österreich stellte sich nach dem Zerfall der Monarchie und der Gründung der Republik Deutschösterreich im Jahre 1918 die Frage nach der Lebensfähigkeit. Der neue Staat litt unter Rohstoffknappheit, vor allem die Kohlennot, bedingt durch den Wegfall von Zentralböhmen und Oberschlesien, machte der Bevölkerung und der Industrie zu schaffen.

Kohlenmangel, Arbeitslosigkeit und schlechte Luftqualität führten dazu, dass die „weiße Kohle“, die Wasserkraft, als neuer Hoffnungsträger galt. „Fesseln wir die Wasserkräfte“, lautete der Aufruf zur Nutzung der Wasserkraft. Die Wasser- und Energiewirtschaft wurde 1919 unter Karl Renner zum politischen Top-Thema. Der Grundstein der österreichischen Energieversorgung durch Nutzung der Wasserkraft war gelegt.

 
 Mai 1924 Kraftwerk Arnstein

Wasserkraftwerke prägten die Identität des jungen Österreich

Ybbs-Persenbeug und Kaprun bilden nicht nur technische Meilensteine in der Elektrifizierung der Zweiten Republik. Sie prägten die österreichische Identität und schrieben wirtschaftliche Erfolgsgeschichte.

Vor allem Kaprun wurde zum Mythos, formte lange Zeit das Selbstbewusstsein der jungen Republik und gilt als Symbol des Wiederaufbaus in der medialen Landschaft der 1950er- und 1960er-Jahre. Die Bezwingung der Natur, die Versorgungssicherheit und die Arbeitsplatzbeschaffung gaben dem kriegserschütterten Österreich neuen Mut.

Kraftwerkspläne für Kaprun gab es jedoch schon zu Zeiten der Ersten Republik. Erst im Zweiten Weltkrieg wurde mit dem Bau begonnen und nach Kriegsende wieder eingestellt; ein dunkles Kapitel österreichischer Geschichte. Mit Hilfe von Geldern aus dem Marshallplan konnte das Riesenprojekt 1955 dann fertiggestellt werden und Strom liefern für ein Österreich, das nach Unabhängigkeit und Freiheit strebte.


Dezember 1984 Aubesetzer in Hainburg


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