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17. Juli 2012

Am Dach von Niederösterreich

Ein Ausflug auf Österreichs höchsten Kamin

Erster Eindruck: Sturm. In über 200 Metern Höhe pfeift der „lebhafte Wind aus Nordwest“ mächtig um die Ohren. Es verschlägt uns die Ohren, als wir durch die enge Luke auf das Dach von Österreichs zweithöchstem Bauwerk steigen:  Die Kaminspitze des Kraftwerks Dürnrohr ist heute für uns ein gut gelüfteter Aufenthaltsort. 


Ein gefälliges Postkartenmotiv: Österreichs zweithöchstes Bauwerk, der 210 Meter hohe Kamin des Kraftwerks Dürnrohr.

Dort, wo normalerweise der 70 Grad warme Rauch das Kohlekraftwerk verlässt, gönnen wir uns einen Blick auf das gewaltige Kohlelager zu unseren Füßen und den imposanten Ausblick über das Tullner Becken. Vor uns Windräder, in Blickweite das nie in Betrieb gegangene Atomkraftwerk Zwentendorf (heute mit einer EVN-Solaranlage ausgestattet) und dahinter das Donaukraftwerk Altenwörth.  Hinter uns ragen die Spitzen der Kamine noch drei Meter über die Plattform. Wir stehen auf 207 Metern, der Kamin-Mund ist auf 210 Metern, erklärt und Gerald Scholz, erfahrener Kraftwerker und wie alle Techniker sehr auf Präzision bedacht.

Unter uns erkennen wir die automatische Kohleförderungsanlage, den „pipe conveyor“, der die Kohle von der Donau-Anlagestelle bis zum Kraftwerk transportiert. So kann das Kraftwerk effizient und umweltschonend sowohl per Bahn als auch per Donauschiff beliefert werden. LKWs sind somit überflüssig geworden. Die tonnenschweren Kohlebagger unten auf der Halde sehen wie niedliche Spielzeuge aus dem Modelleisenbahn-Set aus. Mit einem Schaufelhub bewegen sie ca. 17 Tonnen Kohle.


Gerald Scholz und Betriebsleiter Christof Kurmann-Friedl am höchsten begehbaren Punkt des Tullnerfeldes. Bei den Windgeschwindigkeiten ist es besser, den Helm festzuhalten.

Hinter uns liegt eine ruckelige Fahrt in einer engen Liftkabine. Das Rütteln rührt daher, dass der Lift im inneren des Kamins an einer Zahnrad-Schiene hängt und nicht an einem Liftseil - das würde bei der enormen Höhe zu sehr pendeln. Entlang des Kamins sind Messstationen angebracht, die die Abgase im Inneren der zwei Kaminrohre (je eines für einen der beiden Kraftwerksblöcke) messen.


Gerald Scholz bei der Abgasmessanlage im Inneren des Kamins auf 70 Metern Höhe.

Gerald Scholz überwacht die Emissionsmessgeräte im Kamin der 400-Megawatt-Anlage. Mit seinen Instrumenten kann er präzise bestätigen, wie gut die Rauchgasreinigung der Anlage arbeitet. Seine Daten teilt das System automatisch den Umweltbehörden der Landesregierung mit. Eingebunden in das Luftgüteüberwachungssystem sind auch die Immissionsmessgeräte im Umfeld des Kraftwerks, die im Tullner Feld verteilt sind. Alle Daten bestätigen: die aufwändigen Umweltschutzeinrichtungen bewähren sich.

Beim Bau des Kraftwerks Dürnrohr (Fertigstellung 1986) wurden bahnbrechende Installationen vorgenommen und mit Technologien wie der Entstickung, umwelttechnisches Neuland betreten. Wie nachhaltig diese Investition war, beweisen die Messanlagen in der Umgebung des Kraftwerks: trotz höchster Empfindlichkeit der Geräte ist praktisch kein Unterschied messbar, ob das Kraftwerk Dürnrohr steht oder im Betrieb läuft.