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27. Juli 2012

Mythen über den Klimawandel

Klimaschwankungen sind normal und CO2 ist ja nicht giftig! Der Klimawandel ist komplexer als die Medien ihn oft darstellen. Wir haben deshalb 10 populäre Halbwahrheiten dazu gesammelt.

Klimaschwankungen hat es immer schon gegeben. Seit es die Erde gibt, gibt es Eiszeiten und Wärmeperioden. Wozu also die Aufregung um den Klimawandel?

Es ist richtig, dass es immer schon Klimaschwankungen gegeben hat. Diese waren zum Teil drastisch, und der Bogen des Erdklimas ist sehr weit gespannt. Es reicht von Millionen Jahren stabilen Warmklimas ohne jede Vereisung – auch nicht der Pole – im Erdmittelalter und im frühen Tertiär bis zum Eiszeitklima der aktuellen 1,5 Mio. Jahre. In der letzten Kaltzeit, vor „erst“ 25.000 Jahren, bedeckte ein geschlossenes Eisstromnetz die Alpentäler, das bis zu 2.000 Meter mächtig war.Das alles war durch natürliche Faktoren gesteuert. Derartiges steht uns erst wieder in einigen 10.000 Jahren ins Haus und betrifft somit nicht Zeitspannen, die für eine oder auch mehrere Generationen der Menschheit von Belang sind. Unsere und die kommenden Generationen sollten sich auf eine weitere Erwärmung vorbereiten. Diese wird die nächsten 100 Jahre dominieren und besitzt somit zweifellos große Bedeutung für uns.

 

Nur 0,3 bis 0,4 Promille der Erdatmosphäre bestehen aus CO2 – und das soll sich so aufs Klima auswirken?

Tatsächlich stellt das „Spurengas“ CO2 nur einen verschwindend kleinen Bestandteil der Erdatmosphäre dar. Etwas weniger als 0,3 Promille waren es vor 200 Jahren, mittlerweile bewegen wir uns auf 0,4 Promille zu – mit weiterhin steigender Tendenz. Trotzdem genügt das, um auf das Erdklima einen gewissen Einfluss zu haben, da CO2 und andere Spurengase wie Methan (CH4) zwar die kurzwellige Sonneneinstrahlung durchlassen, jedoch die langwellige Wärmeausstrahlung der Erde ins Weltall vermindern. Der direkte Effekt dieser „Treibhausgase“ ist zwar gering, wird aber durch positive Rückkopplungen verstärkt. Beispielsweise kann wärmere Luft mehr Wasserdampf beinhalten als kältere. Wasserdampf ist ein viel stärkeres Treibhausgas als CO2 und treibt somit den Effekt „selbstverstärkend“ noch weiter an. Das führt dazu, dass man bei einer noch in diesem Jahrhundert realistisch zu erwartenden Verdopplung der Treibhausgase mit einer globalen Temperaturerhöhung von nicht nur 1 sondern einigen °C rechnen muss.

 

Und wenn schon: Ein bisschen mehr Wärme schadet nicht. Da müssen wir weniger heizen und können das ganze Jahr Tomaten im Garten anbauen.

Natürlich gibt es im Klimawandel nicht nur Verlierer, sondern auch Gewinner. Der Mainstream der öffentlichen Meinung befasst sich zurzeit mit den negativen Aspekten. Der kluge und einer Zivilisation wie der unseren angemessene Umgang mit Veränderungen wäre jedoch – wie bei jedem anderen „Wandel“ auch – alle Aspekte so gut wie möglich zu erforschen und dann im Sinne einer vorsorgenden Politik die Nachteile möglichst gering zu halten und die Vorteile zu nutzen. Alle Hoffnungen allein auf eine Vermeidungsstrategie zu setzen, wäre riskant.

 

Überhaupt rührt die Erderwärmung doch von der Sonne her und nicht vom Menschen. Unser Anteil daran ist wirklich gering.

Das ist eine der typischen Halbwahrheiten in der Klimadiskussion. Natürlich haben die Schwankungen der Sonne einen Einfluss auf die Klima - variabilität, auch wenn er von den „Alarmisten“ gern wegdiskutiert wird. Zusammen mit dem Vulkanismus hat sie bis vor 50 bis 60 Jahren sogar die Klima-Antriebe durch die Verwendung fossiler Energie in Form von Kohle, Erdöl und Erdgas übertroffen. Es ist allerdings ebenso eine Tatsache – und das hören die „Skeptiker“ nicht gern –, dass seit etwa 3 bis 4 Jahrzehnten der vom Menschen verursachte Treibhauseffekt die natürlichen Klima-Antriebe übertrifft und das wohl auch noch weiterhin tun wird.

 

Die Technik ist schon so weit fortgeschritten. Da werden wir das Klima wohl bis zum Ende des 21. Jahrhunderts in den Griff kriegen.

Tatsächlich ist eine weitere Technologie-Entwicklung die einzige realistische Hoffnung. Das betrifft beide Strategien – sowohl die Eindämmung als auch die Anpassung. Die völlige Beherrschbarkeit der Natur – auch im Fall des Klimawandels – ist eine Chimäre. Wir werden den weiteren Zuwachs der anthropogenen, vom Menschen verursachten Treibhausgase in der Atmosphäre nicht zur Gänze vermeiden können. Das ist auch ein wirtschaftliches und eminent globalpolitisches Problem. Andererseits werden wir zweifellos auch nicht alle auf uns zukommenden Negativfolgen technologisch abfedern. Das ist ein Grund mehr, beides gleichzeitig anzugehen – und zwar auf rationale Art und Weise.

 

Die Gletscher gehen bereits zurück. Das ist doch ein klarer Beweis dafür, dass der Klimawandel auch bei uns schon voll im Gang ist.

Der Gletscherrückgang ist eine der wenigen Folgen, die deutlich sichtbar sind. Trotzdem wird auch damit viel Halbwahrheit verbreitet. Die meisten Foto-Vergleiche früherer Gletscherzungen mit den kläglichen Resten gehen zurück ins 19. Jahrhundert. In den Alpen hat der Gletscherrückgang bereits um 1850 begonnen – lange bevor rund 100 Jahre später der Treibhauseffekt einsetzte. Was wir auf derartigen Fotos sehen, ist zum größeren Teil natürlicher Klimawandel.

 

Überschwemmungen, Vermurungen, Lawinen: Durch die globale Erwärmung wird das Klima in Österreich immer extremer.

Abgesehen davon, dass heiße Temperaturen häufiger werden und kalte seltener, handelt es sich bei dem die Diskussion dominierenden „Klimawandel = Zunahme der Extremwerte“ meist um „weiche Fakten“, wenn man in die Klimadaten-Archive blickt. So sind in Mitteleuropa weder die Stürme noch die Hochwässer in den aktuellen Treibhaus- Jahrzehnten häufiger und stärker als in den Zeiten des natürlich angetriebenen Klimas vor 100 bis 200 Jahren.

 

Wenn die durchschnittliche Temperatur auf der Erde um 2 °C steigt, wird das Klima katastrophal kippen.

Der berühmte Kipp-Punkt des Klimas bei +2 °C über dem „vorindustriellen natürlichen Klima“ stammt vor allem aus der Welt des Klimawandel-Marketings. Der wahre Kern ist, dass es im Klimasystem positive Rückkopplungseffekte gibt, was zu raschen Veränderungen führen kann.
„Rasch“ ist relativ zu verstehen, wie etwa der geologisch schnelle Übergang von der letzten Eiszeit zur aktuellen Zwischeneiszeit in wenigen Jahrtausenden. 

 

Grönland schmilzt, bald sitzen die Eisbären auf dem Trockenen. Für den Klimaschutz ist es ohnehin bereits zu spät.

Ständige Übertreibung und das Spiel mit der Angst kann zur Abstumpfung führen. Aus Lethargie erwächst mit Sicherheit nicht der nötige Antrieb zum rationalen Umgang mit einem Problem. Nach dem tausendsten Videoclip von hungrigen Eisbären, denen das Packeis unter den Beinen wegschmilzt, stellt sich eine Sättigung ein. Als Wissenschaftler fragt man sich darüber hinaus, ob nicht die Sendezeit für tatsächliche Informationen genützt werden sollte. Oder geht es nur noch um Weltuntergangs-Infotainment?

Bis 2100 wird der Meeresspiegel um 2 Meter steigen. 60 % der Weltbevölkerung leben in Küstenstädten, sie werden im Wasser versinken.

Zwar sind die 2 Meter Meeresspiegel-Anstieg stark übertrieben, jedoch ist dies wohl die die Menschheit am stärksten betreffende Klimafolge. Die Geschwindigkeit des Anstiegs entscheidet, ob und auf welche Weise wir damit umgehen können. Das ?ema ist noch nicht einwandfrei geklärt – die Wissenschaft arbeitet daran mit Hochdruck. 

Autor Dr. Reinhard Böhm studierte Meteorologie und Geophysik an der Universität Wien. Er ist Mitarbeiter der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) und befasst sich mit Klimageschichte und Klimaschwankungen.