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29. August 2012

11.2.2050 - Eine Vision

Zugeteilte Jahreskontingente Energie, Fotovoltaik-Anstriche für das Haus, Esstische mit Induktionsschicht, automatisch gewaschene Wäsche,... Science Fiction oder doch bald Realität?

Es ist dunkel im Raum, stockdunkel. Und still. Die Stille wäre fast vollkommen, gäbe es nicht dieses Tiktak, Tiktak, Tiktak. Und das leise, regelmäßige Atmen von Martha. Ihr Brustkorb hebt und senkt sich synchron zum Weckerton. Das Gerät hat Retroschick. Hinter dem unscheinbaren Äußeren verbirgt sich die Schaltzentrale der Wohnung von Familie Maier in Wien-Mariahilf.

In Kürze wird Martha wach sein. Manfred hat schon länger die Augen offen. Seine Gedanken kreisen um die Frage, wie viel Strom wohl diese Nacht von den Windrädern am Dach produziert worden ist. Am Vorabend hat die Wetterfrau kräftigen Wind vorhergesagt. Es ist Freitag, der 11. Februar 2050. Der Sekundenzeiger rückt eine Stelle vor: trrrrrrrrrrrrrrrrr. 6:30 Uhr zeigt die Uhr.

Der schnarrende Ton und das altbackene Design des Weckers sind der einzige Link zur Vergangenheit. Zwar ist der Sessel weiterhin ein Sessel und der Tisch ein Tisch. Damit hat es sich aber auch schon. Das Sitzmöbel, vollgestopft mit Sensoren, passt sich automatisch der Größe des Benutzers an. Der Esstisch schaut nicht nur edel aus, er ist zudem mit einer Induktionsschicht versehen. Ob Kaffee, Tee oder Kakao – die Flüssigkeiten in den Tassen, die auf die individuellen Vorlieben ihrer Benutzer programmierbar sind, kühlen nie aus.

„Ein schöner Tag“, sagt Manfred. Er steht vor dem einzigen Fenster, das nicht vereist ist. Von dort hat er freien Blick bis zum Wienerberg. Alle anderen Fenster sind von außen zugefroren. Dreifach verglaste Scheiben lassen keine Wärme durch.

Energie ist immens teuer geworden. Atomkraftwerke wurden im Gefolge des Schocks von Fukushima nach und nach stillgelegt, Kohlekraftwerke aus Umweltschutzgründen schrittweise geschlossen. Jeder Staatsbürger hat ein Jahreskontingent an Energie, das er zu Marktpreisen konsumieren kann. Mehrverbrauch wird finanziell kräftig bestraft. Deshalb nutzt jeder Haushalt jede Gelegenheit, selbst Strom zu erzeugen. Während Martha ihre Morgentoilette erledigt, schlürft die zwölfjährige Tochter Sara ihren Kakao. Der elektronische Küchenassistent, der wie andere Haushaltsgeräte mit der Schaltzentrale im Weckergehäuse verbunden ist, hat nicht nur Kakao, sondern auch Kaffee und Tee vorbereitet.

Martha, zurück aus dem Bad und mit UV-Spray gegen die gefährliche Strahlung eingenebelt, hat das Morgen-TV angemacht. Laut Vorhersage wird es sonnig, aber sehr windig. „Die Chancen stehen gut, dass wir den Speicher vollkriegen“, meint Martha. Wegen Schneefalls und Windflaute musste die Familie zuletzt viel Fremdenergie beziehen. Die Windräder am Dach standen still. Auch der Fotovoltaik-Anstrich lieferte wegen des verhangenen Himmels keine nennenswerten Strommengen.

„Ciao“, ruft Martha, drückt den Griff nach unten und die Tür nach außen. Der Aufzug stoppt im fünften Stock, nimmt sie auf und fährt sie sicher ins Parterre. Martha versucht, über ihr Smartphone einen der selbst fahrenden E-Car-Shuttles zu erwischen, bei dem sie nicht umsteigen muss. Eine Sechserkabine hält an, in der zwei Mädchen, ein Mittdreißiger und eine Frau um die 60 über ihre jeweils angezeigte Musikfunktion signalisieren, dass sie nicht auf Gesprächssuche aus sind. Ihr ist das nur recht.

Manfred und Sara verlassen eine halbe Stunde später die Wohnung. Die Tochter, die sonst gerne das Mitfahrangebot ihres Vaters zur Schule annimmt, will ihren persönlichen Energiespeicher aufladen und entschließt sich zu einem Fußmarsch. Der Vater hat vor dem Weggehen noch einen Teigling ins Rohr geschoben. Auf dem Nachhauseweg will er den Backofen starten. Der Kuchen soll anschnittbereit sein, wenn sich die Familie gegen 18 Uhr wieder versammelt. Und tatsächlich, Stunden später mischt sich Kuchenduft mit dem Geruch frisch gebrauten Kaffees. Die Wohnung, die untertags nicht beheizt wird, hat durch Fernsteuerung wieder angenehme 22 Grad. Seit die Räumlichkeiten automatisch stoßgelüftet werden, ist auch Schimmelbildung kein Thema mehr.

„Hunger?“, fragt Martha. „Sehr“, antworten Manfred und Sara. Der tägliche Essvorschlag, der auf der Wand erscheint, lässt sich leicht umsetzen. Der Kühlschrank hat die Fehlbestände automatisch an die Lieferzentrale gemeldet. Die Ware lagert in der Kühllade neben der Eingangstür und muss nur noch eingeschlichtet werden.

Die Küchenschürze, in die Martha schlüpft, wurde frühmorgens zwischen 3 und 4 Uhr gewaschen, getrocknet und gebügelt. Das All-in-One-System schaltet sich wie andere energieintensive Geräte dann ein, wenn Strom am billigsten ist.

„Morgen wird geschlafen“, sagt Sara – satt und glücklich. Martha und Manfred pflichten bei: „Ja, Wochenende, endlich wieder Wochenende.“ Der Wecker tickt.