Zur Übersicht

VERBUND-Chef Wolfgang Anzengruber über komplizierten Physikunterricht und die spielerische Vermittlung von Wissen über Stromerzeugung und erneuerbare Energie.

flow_ Derzeit werden in Österreichs Schulen die Bildungsstandard-Tests für 14-jährige durchgeführt, damit Österreichs Schüler bei PISA künftig besser abschneiden. Kritik kam von den Unternehmern, die über das niedrige Ausbildungsniveau der Lehrlinge klagen. Wird es mit diesen Standards besser?

Wolfgang Anzengruber_ Wir merken, dass das Potenzial der Lehrlingskandidatinnen und Kandidaten kleiner wird. Mittlerweile müssen wir massiv werben, um überhaupt noch die passenden Menschen zu finden. Der Grund ist das schlechte Image der Lehre. Man darf nicht länger suggerieren: Wer gescheit ist, macht eine Matura, und wer dumm ist, geht in die Lehre. In diesem Punkt dürfen wir uns aber nicht nur bei der Politik beklagen. Die Unternehmen müssen Verantwortung übernehmen.

flow_ Viele Unternehmen jammern über den Fachkräftemangel. Wie beugt hier VERBUND vor – was wird getan? Wie sieht die Lehrlingsausbildung aus?

Wolfgang Anzengruber_ Um die Qualität der nächsten Facharbeitergeneration zu sichern, setzen wir auf selbst ausgebildeten Nachwuchs. Pro Jahr nehmen wir ca. 45 Lehrlinge auf, die zuerst in unseren eigenen Lehrwerkstätten in Ybbs, Kaprun oder Töging ausgebildet werden und schon ab dem zweiten Lehrjahr in der Praxis in die Kraftwerke kommen. Unsere Doppelberufsausbildung Elektrotechnik und Metalltechnik ist in der europäischen Strombranche einzigartig. Nach insgesamt 4 Jahren ist man zweifacher Facharbeiter bzw. Facharbeiterin, kann die Meisterprüfungen anhängen und an einem unserer 140 Standorte verantwortungsvolle Aufgaben übernehmen. Auch Entwicklungsmöglichkeiten in andere Unternehmensbereiche sind möglich, was schon einige unserer ehemaligen Lehrlinge bewiesen haben.

In den vergangenen Jahren wurde es zusehends schwieriger Lehrlinge zu finden, die unsere Anforderungen erfüllen. Karriere mit Lehre scheint in den letzten Jahren an Attraktivität verloren zu haben. Wir wollen durch unsere hochqualifizierte Ausbildung dazu beitragen, dass die Lehre das Image erhält, das sie verdient. Vor allem Mädchen und Frauen wollen wir für diese Berufe und die damit verbundenen Karrieremöglichkeiten begeistern.

flow_ VERBUND hat eine eigene Bildungsinitiative gestartet und eine Stromschule kreiert. Was ist das genau und was will VERBUND damit erreichen?

Wolfgang Anzengruber_ Wir nehmen unsere Verantwortung als Österreichs größtes Stromunternehmen wahr, Wissen über Strom mit den besten pädagogischen Instrumenten zu vermitteln. Naturwissenschaften haben in Österreich aus unerfindlichen Gründen einen schlechten Ruf. Wie das Echo auf den Lehrer-Wettbewerb EDUARD, aber auch auf die VERBUND-Stromschule beweist, ist das Interesse und das Engagement vorhanden. Dabei muss man aber auch die Lehrer/-innen und Schüler/-innen abholen und zeitgemäße Methoden anbieten.

Das von uns unterstützte Online-Physikspiel Ludwig ist so ein Tool: hervorragende Qualität, die Jugendliche von heute von Spielen erwarten vereint mit lehrplangemäßen Inhalten. Es gilt, engagierte Lehrerinnen und Lehrer zu ermuntern und zu unterstützen wo es nur geht, darum stehen auch unsere Kraftwerke für Schulexkursionen offen.

flow_ Bei Kindern und Jugendlichen herrscht ein Desinteresse an technischen Unterrichtsfächern vor. Liegt es daran, dass diese Fächer oft kompliziert und unverständlich vermittelt werden? Liegt das an den Pädagogen oder am oft sperrigen Unterrichtsmaterial?

Wolfgang Anzengruber_ Wenn ich mir anschaue, wie Fächer wie Physik oder Mathematik oft unterrichtet werden: Das ist so etwas von langweilig! Das interessiert nicht einmal mich als technikaffinen Mensch. Das ist eine unattraktive Pflichtübung, furchtbar. Das ist nichts, was einen Konnex zum echten Leben findet, obwohl es da tausend Möglichkeiten gäbe.

flow_ Was bietet die VERBUND-Stromschule? Was kann sie?

Wolfgang Anzengruber_ VERBUND unterstützt Lehrerinnen und Lehrer mit einem vielfältigen Angebot in dem wichtigen Thema Strom. Zusammenhänge und Prinzipien der Physik im Unterricht werden anschaulich und praxisnahe in den Unterrichtsmaterialien der Stromschule nähergebracht. Wir haben dazu Unterrichtsmaterial mit Arbeitsblättern, ein Lehrerhandbuch und Experimentieranleitungen zusammengestellt. Dazu gehören gratis-Klassenlizenzen für das preisgekrönte Online-Game Ludwig und Exkursionsmöglichkeiten in unsere Kraftwerke. Das Angebot der VERBUND-Klimaschule des Nationalpark Hohe Tauern ist eine Ergänzung und bietet vier Unterrichtstage mit einem Ranger direkt in den Schulen, mit zahlreichen Experimenten.

flow_ Ist die Stromschule ein Mittel, um vermehrt Mädchen für die Technik zu interessieren?

Wolfgang Anzengruber_ Wir müssen Technik spannender vermitteln. Dann kann es auch gelingen, mehr Mädchen mit ins Boot zu holen. Das ist eine meiner großen Forderungen. Ein Unternehmen wie VERBUND kann es sich nicht leisten, auf 50 % der Bevölkerung zu verzichten. Wenn wir mit Lizzy, unserer Stromexpertin, damit auch nur einen kleinen Beitrag leisten können, ist schon etwas erreicht.

flow_ Das klingt alles sehr theoretisch. Bietet VERBUND aber auch Möglichkeiten, Stromproduktion und Kraftwerkstechnik erfahrbar/erlebbar zu machen?

Wolfgang Anzengruber_ Die Möglichkeit zu Kraftwerksexkursionen ist eine der Säulen der VERBUND-Stromschule. Viele unserer Kraftwerke liegen in der Nähe der Schulen und nichts liegt näher, als hier das Kraftwerk in der Nachbarschaft zu besuchen.