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Nicht alle verbringen Heiligabend bei wohliger Wärme in hell erleuchteten Häusern. Einige Menschen gibt es die auch an diesem besonderen Abend für uns alle im Einsatz sind - und diesen nicht bei der Familie verbringen können.

Es ist der 24. Dezember und für Rene Dippold, Schichtmeister in der Zentralwarte in Wien-Freudenau beginnt ein "ganz normaler" Arbeitstag. Im Kraftwerk ist es totenstill, als er seinen Dienst antritt. Dippold ist der einzige Mitarbeiter, der in der "Heiligen Nacht" einen Fuß ins Kraftwerksgebäude setzt um dort rund 120.000 Datenpunkte zu beobachten. "Wenn man diesen Job macht, muss man sich daran gewöhnen, ständig alleine zu sein. Man sitzt meistens alleine da, das gehört zum Job dazu", erzählt Dippold beim futurezone-Besuch in Freudenau. "Ob Weihnachten ist oder nicht, es ändert im Prinzip nichts. Es ist höchstens ein bisschen ein komisches Gefühl, wenn man direkt vom Weihnachtsfest in die Arbeit fährt, aber sonst ist es ein Tag wie jeder andere für mich."

Dippold ist in seinem Dienst in der Weihnachtsnacht, der bis fünf Uhr in der Früh geht, für die Überwachung und Steuerung aller neun Donaukraftwerke verantwortlich. Dazu hat er drei Bildschirme plus einen 1,5 x 3 Meter großen Screen als Übersicht über alle Generatoren, Wehrfelder und alle wichtigen Regler. Seit Sommer 2011 läuft in der Zentralwarte, in die man nur hineinkommt, wenn man spezielle Sicherheitsvorkehrungen wie Türen aus Panzerglas und geschlossene Schranken bei der Gelände-Einfahrt überwindet, die komplette Steuerung zusammen. Auch in den anderen Donau-Kraftwerken wie Ybbs oder Greifenstein ist niemand mehr.

 

 

Bleibt es eine stille Nacht, kommen höchstens ein paar kleinere Störmeldungen herein, die sich mit wenigen Mausklicks beheben lassen. "Das Hauptaugenmerk bei unser Überwachung ist der Wasserhaushalt. Der kommt von der Priorität her noch vor der Stromerzeugung. Wir erzeugen nämlich nur soviel Strom wie Wasser da ist, die Verteilung wird nicht bei uns geregelt. Jeder Stauraum hat eine eigene Wehrbetriebsordnung, die muss penibel eingehalten werden. Wir regeln das Oberwasser im Stauraum auf eine Genauigkeit von plus oder minus zehn Zentimeter", erklärt Dippold.

Bei einem Ausfall einer Maschine oder eines Blocks wird es schon komplizierter. In so einem Fall können 500 m³ Wasser pro Sekunde herumgewirbelt werden. "In so einem Fall muss man äußerst schnell reagieren, weil sonst steigt das Oberwasser. Im Normalfall gehen als erstes automatisch die Wehrfelder auf und das Wasser wird abgeführt. Doch die Automatik funktioniert nicht immer hundertprozentig", erzählt Dippold. Als nächstes müsse man schauen, dass man die ausgefallene Maschine so schnell wie möglich wieder ans Netz kriegt.

"So ein Ausfall ist ein sehr komplexer Vorgang. Da greift eine Automatik in die andere. Wenn es ein Problem gibt, gibt es ziemlich viel, dass man in so einer Situation gleichzeitig bedenken muss. Das wichtigste ist aber, dass der Durchfluss, der vorher da war, nachher wiederhergestellt ist", so der Kraftwerkspilot, der bei VERBUND als gelernter Betriebselektriker begonnen hat und sich im Kraftwerk Freudenau zum Schaltberechtigten in der Steuerzentrale hochgearbeitet hat. Ob bei einem Störfall sofort weitere Personen wie beispielsweise Elektriker oder Mechaniker hinzugezogen werden müssen, entscheidet Dippold im Alleingang. Im Notfall können weitere Personen binnen 30 Minuten auf Abruf im Kraftwerk sein.

 

 

"Gefährlich wird es vor allem bei Tauwetter, also wenn der Schnee schmilzt. Dann würde die Donau steigen und wir müssten einige Wehrfelder zusätzlich aufmachen", erklärt Dippold. "In so einer Nacht gibt es viele Betriebsmeldungen und Warnungen. Insgesamt muss ich ja immer rund 120.000 Datenpunkte im Auge behalten. Das ist eine unglaubliche Informationsflut."

Doch was passiert, wenn Dippold einmal unabsichtlich einschläft? "Der Mauszeiger wird auf Bewegung überwacht. Wenn er 20 Minuten nicht bewegt wird, sendet das Wartensicherheitssystem eine akkustische Meldung. Wenn man sich dann nach drei Versuchen noch immer nicht meldet, wird jemand in Kaprun verständigt. Die Mitarbeiter von dort rufen dann bei uns an. Meldet man sich auch dann nicht, wird jemand ins Kraftwerk geschickt", erklärt Dippold den Prozess, der im Notfall eintritt.

Bei einem virtuellen Angriff geht Dippold dagegen davon aus, dass die Zentralwarte "relativ sicher" sei. Es gebe nämlich ein eigenes Glasfaserkabel-Leitungssystem, über das man sich vom Internet aus "nicht ohne weiteres hineinwählen" könne, meint der Schichtmeister der Zentralwarte, der in der Weihnachtsnacht auch im Auge haben muss, ob jemand ins Kraftwerk eindringt. Vorgekommen sei das bisher in der Nacht allerdings noch nie, untertags dagegen hätten sich bereits manchmal Donauufer-Besucher aufs Gelände "verirrt", so Dippold.

Bleibt zu hoffen, dass die Weihnachtsnacht auch 2012 im Kraftwerk Freudenau eine "Nacht wie jede andere" bleibt.