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22. Februar 2013

Die Schleuse als Trockendock

Die Donau ist eine der wichtigsten Ost-West-Routen für Gütertransport. Jedes Kraftwerk ist dabei natürlich ein Hindernis, darum gibt es Schleusen. VERBUND trägt neben dem Kraftwerksbetrieb auch die Instandhaltung der Anlagen, und so muss jede Schleuse von Zeit zu Zeit trockengelegt und inspiziert werden.

 

Winterzeit ist Instandhaltungszeit an der Donau. Nach den Turbinen sind die Schleusenkammern die wertvollste Infrastruktur-Anlagen der Kraftwerken. Die Donauschifffahrt ist im Vergleich zu Straße und Schiene der umweltfreundlichste und leistungsfähigste Verkehrsträger, der über beträchtliche freie Transportkapazitäten verfügt. Etwa 10 Millionen Tonnen Güter werden pro Jahr auf der Donau in und durch Österreich transportiert.
 

 

Mit Hilfe der Schleusen werden Unterschiede des Wasserstandes vor und hinter den Kraftwerken überwunden, sodass Schiffe den Fluss durchgängig befahren können. Durch Schieber kann die Schleusenkammer vom Oberwasser her bis auf dieses Niveau gefüllt, durch andere Schieber bis auf das Niveau des Unterwassers entleert werden. Wenn beide Tore geschlossen sind, kann der Wasserstand in der Kammer mitsamt dem Schiff angehoben oder abgesenkt werden. Ist Gleichstand mit Ober- oder Unterwasser erreicht, so wird das jeweilige Tor geöffnet und das Schiff kann hinein oder hinaus fahren. Die Steuerung der Anlage erfolgt durch das Personal der Via Donau, das rund um die Uhr die Schleusenwarte („B-Stelle“) besetzt.

 

Bei einer Revision werden zunächst die Zugänge der Schleuse abgedichtet und die Schleusenkammer entleert. Dadurch zeigen sich die gewaltigen Dimensionen der Schleusenkammer: 230 Meter lang und 24 Meter breit ist eine Kammer. Wir fahren mit dem eisernen Personenlift bis auf den Boden der Schleuse in 15 Metern Tiefe.

Die Arbeiter, die von oben noch käferklein wirken, entpuppen sich als kräftige, wettergegerbte Spezialisten. Alle beweglichen Teile werden penibel geprüft, vor allem die über 100 Tonnen schweren Stemmtore. Dichtungen und Lager werden mindestens alle 6 Jahre auf Verschleiß untersucht und ausgebessert. Die Überprüfung des mächtigen Bauwerks zählt ebenso zu den Aufgaben bei einer Revision. Nicht alle Arbeiten können von VERBUND-Mitarbeitern erledigt werden. Die Kontrolle der Blockfugen übernehmen zB Mitarbeiter von VERBUND, die Reparatur dieser Fugen wird durch Mitarbeiter der Wiener Firma Jullien Trip durchgeführt.

 

Der Geschäftsführer Johann Bruckner, ein erfahrener Spezialist für Betonbauwerke am und im Wasser und für Schleusen im Speziellen, kontrolliert seine Mitarbeiter und ist sich nicht zu schade, selbst Gerüstteile weiterzureichen. Eile ist angebracht, denn das Wetter schlägt in ungemütliches Schneetreiben um.

Das Zeitkorsett für die Revision ist knapp bemessen, denn in Ybbs passieren täglich ca. 70 Schiffe das Kraftwerk. Im Winter gibt es weniger Ausflugsschifffahrt, darum auch weniger Verkehr. Eine Schleusung dauert 20 Minuten und benötigt ca. 80 Mio. Liter Wasser. (Aus dem Wasser könnte Strom für den Jahresverbrauch eines Haushaltes gewonnen werden!)

Passagierschiffe, die Ybbs flussauf („bergwärts“) passieren, können das monumentale Relief „Der Nibelungenzug“ des Bildhauer Oskar Thiede bewundern. In sehr deutsch-heldischem Stil zeigt das Relief eine Episode aus dem Nibelungenlied, dem sagenhaften Zug der Nibelungen und Burgunder an Etzels Hof. Wie tragisch die Sage ausging, ist bekannt, doch lieferte sie den Namen für die angrenzende Region an der Donau, den Nibelungengau. Der touristische Reiz der Landschaft erschließt sich aber erst im milden Frühling, wenn die Schleuse wieder den Lastschiffen und Ausflugskreuzern gehört.