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Eine Baustelle mit Winterbetrieb kann man ja wohl auch im Winter besichtigen, oder?

Es gibt Fragen, die hier an dieser Stelle nicht beantwortet werden. Warum etwa im Flachland jede Baustelle beim ersten Schneeflankerln in die Winterpause geht, während hoch oben in den Kärntner Bergen so lange an einem neuen Kraftwerk gearbeitet wird, bis die täglich tagende Lawinenkommission ihren Sanctus verweigert. Egal, jedenfalls kann man eine Baustelle, die ganzjährig betrieben wird, auch ganzjährig besichtigen. Kann man?

Um eine aktuelle Magazin-Story ordentlich zu bebildern, machen wir uns Ende Jänner auf, die Baustelle für das Pumpspeicherkraftwerk Reißeck II zu fotografieren. Der Projektleiter ist begeistert: „Wie viele Besucher?“ Geht wohl um die Reservierung am Mittagstisch. „Jeder von euch braucht ein Verschüttetensuchgerät, die sind für die Schoberbodenstraße bei Lawinenwarnstufe 2 verpflichtend.“ Baustelle mit Lawinen-Pieps.

 

Erste Station, Mölltal-Bundesstraße, Gemeinde Mühldorf: Hauben auf. Vom Tal aus blicken wir hinauf zur Bergstation der Reißeck-Bahn. Irgendwo dort oben, Seehöhe 2.300 Meter, wird tief im Inneren des Berges am Triebwasserstollen gearbeitet. Da wollen wir hin. Von herunten sind bloß die länglichen, stählernen Lawinenschutzeinrichtungen zu erkennen. Die schützen das große Baulager, das auf 1.500 Meter im Mühldorfer Graben liegt. Und genau dort ist unser Treffpunkt mit dem Projektteam.

 

Über 15 Kehren führt zunächst einmal die Zufahrtsstraße vom Tal aus hinauf zum Baulager. In diesem Abschnitt gilt heute lediglich Lawinenwarnstufe 1. Der Winterdienst der Baufirmen hat wie immer einen tollen Job gemacht: schneefreie Fahrbahn. Das freut besonders die Fahrer der Spezialtransporter, die sich mit den 33 Tonnen schweren Rohrschüssen zur ersten Zwischenstation quälen. Die stählernen Segmente werden zu einem hunderte Meter langen Druckrohr verschweißt, das nahezu vertikal im Inneren des Berges verläuft. Im Kraftwerksbetrieb werden durch diesen gepanzerten Druckschacht 80 Kubikmeter Wasser pro Sekunde auf die Turbinen donnern. Turbinen, Generatoren und Transformatoren werden im Laufe des heurigen Jahres auf die Baustelle geliefert und in der mächtigen Felskaverne installiert.

180 Fachkräfte arbeiten auch während der Wintermonate an der Errichtung des neuesten VERBUND-Pumpspeicherkraftwerks Reißeck II. In der großen Maschinenkaverne auf 1.600 Meter Seehöhe wird bei jeder Witterung gebaut. Aber weiter oben im Berg ist das Betonieren und Schweißen im weitläufigen Stollensystem von jenem Material-Nachschub abhängig, der vom Baulager ausgehend über die Schoberbodenstraße hinauf bis auf 2.300 Meter transportiert werden muss.