Zur Übersicht
09. August 2013

Fitness-Programm für Österreichs ältestes Donaukraftwerk

Die inneren Werte zählen. Das trifft auf das Wasserkraftwerk Ybbs-Persenbeug zu. Unscheinbar liegt es unter der windigen Autobrücke. Doch je schlichter es scheint, desto spektakulärer ist sein Innenleben, das gerade vollständig modernisiert wird.

Bis 2020 werden alle 6 vertikalen Kaplan-Turbinen des ältesten Donaukraftwerks in Österreich gegen neue Modelle ausgetauscht – und das bei laufendem Betrieb. Kostenpunkt: 144 Mio. Euro. „Damit  erreichen wir eine Effizienzsteigerung von 4,5%. Das klingt zwar nicht nach viel, doch es sind 17.000 weitere Haushalte, die wir mit Strom versorgen können. Darüber hinaus sparen wir jährlich 49.000 Tonnen CO2 ein“, erklären Wolfgang Leeb, Betriebsingenieur in Ybbs-Persenbeug, und VERBUND-Pressesprecher Florian Seidl beim Lokalaugenschein. 

 

Kraftwerk im 50ies-Look
Betritt man das Hauptgebäude des VERBUND-Kraftwerks am südlichen Donauufer, fühlt man sich in die 1950er-Jahre zurückversetzt. Die Eingangshalle  besticht mit „Old-school-Charme“ und weckt ein Gefühl von Nostalgie. Das viertstärkste Donaukraftwerk Österreichs wurde 1959 fertig gestellt und hat sich bis heute nicht verändert. Das Prestigeobjekt am Radwanderweg war damals wie heute ein beliebtes Ausflugsziel. In den Jahren der Renovierung haben Besucherinnen und Besucher nun die einmalige Gelegenheit, sich das Werk von innen anzusehen.
 

Das Schmuckstück: Die Turbine Nummer 7
Ursprünglich waren nur 6 Turbinen geplant.  Die siebente Maschine wurde in den 1990er-Jahren nachträglich eingebaut und ist die einzige „liegende“ Turbine. Das Wasser schießt wie ein Torpedo durch die Fächer des 7,5 Meter hohen Propellers. „Diese Turbine wurde bereits modernisiert. Denn auf sie müssen wir uns während der Umbauarbeiten verlassen können“, sagt Betriebsingenieur Leeb. Ein Kran hob den 113 Tonnen schweren Stator-Ring letztes Jahr durch ein Schiebedach ins Werkinnere. Vom ganzen Team wurde absolute Präzisionsarbeit abverlangt, denn das tonnenschwere Element musste ohne Erschütterungen Millimeter genau in die Form gesetzt werden. „Der eindrucksvollste Moment für mich? Das war, als ich das erste Mal zu dieser bombastischen Turbine hinunterfuhr und die Dimensionen dieser Maschine erkannte“, erklärt Pressesprecher Seidl.


 

Steht man vor der riesigen Turbine, fühlt es sich an, als wäre man im Inneren eines Bergwerks: Im dunklen Gang sieht man kaum die Hand vor Augen und jedes Wort hallt im kahlen Stollen wider. Der Boden des runden Tunnels ist ein wenig rutschig, denn er ist mit einem Korrosionsschutz ausgekleidet. Erst wenn man mit einem Scheinwerfer den Tunnel ausleuchtet, erkennt man die Mächtigkeit der Turbinenblätter.

 

Kaum zu glauben, dass hier – 25 m unter dem Donauspiegel – bald  500.000 Liter Wasser durchschießen werden. Die Pedale werden sich nur einen knappen Zentimeter über der Tunnelwand entlangdrehen, um möglichst viel Wasser zu verarbeiten. Auch die feinen Fächer können verstellt werden und so je nach Wasserstand für einen optimalen Wirkungsgrad sorgen.

Ufo-Alarm in der Turbinenhalle?
Die 6 älteren Turbinen sehen von oben aus wie gestrandete Ufos, die in der Kraftwerkshalle auf ihre Inspizierung warten. 3 Maschinen befinden sich im Südteil und 3 im spiegelverkehrten Nordteil auf der Persenbeuger Seite der Donau. Sie werden in den kommenden Jahren in den wasserarmen Monaten nach und nach ausgetauscht und verschrottet. „Die Maschinen haben schon über 400.000 Betriebsstunden auf dem Buckel. Vielleicht stellen wir ja eine Turbine als Erinnerung aus. Aber zuerst müssen wir ein geeignetes Platzerl finden, denn so eine Maschine wiegt schließlich über 100 Tonnen“, erklärt Seidl.

 

Im Gegensatz zur Maschine Nummer 7 wird hier das Wasser schneckenförmig aufwärts gepumpt und fällt von oben auf die Turbine, die den Generator antreibt. Der erzeugte Strom wird auf 220.000 Volt umgewandelt und ins Umspannwerk weitergeleitet. Durch die Energieumwandlung herrschen im Traforaum tropische Temperaturen. „Hier hat es etwa 50 Grad Celsius. Die Abwärme wird aber nicht verschwendet, sondern als Heizung im Betriebsgebäude verwendet“ erklärt Betriebsingenieur Leeb. Pressesprecher Seidl betont, dass VERBUND in den letzten Jahren viel erreicht hat: „Wasserkraft wird als erneuerbare Energieform immer mehr geschätzt. Sogar Kunden aus Deutschland wollen gezielt zertifizierten Strom aus Ybbs. Das ist schon etwas Besonderes“.

 

 

Schwindelfreier Schiffsaufzug
Dass man für eine Kraftwerksbesichtigung viel Puste und Kondition braucht, ist bereits bewiesen. Doch auch Schwindelfreiheit sollte man mitbringen, wenn man mit einem Eisenkäfig 20 Meter auf das trockengelegte Flussbett hinuntergelassen wird. Am Nordufer in Persenbeug wird nämlich gerade eine der beiden Schiffkletterhilfen saniert. Ein Routinevorgang, der alle 3 Jahre stattfindet – ausgebrochene Fugen werden gefüllt und die Bauwerksdichte kontrolliert. Die Sanierungen erfolgen in den Wintermonaten, denn da herrscht weniger Betrieb am Wasser. Wenn die Schiffe zum Passieren in die Schleuse einfahren, wird diese langsam mit Wasser gefüllt und das Schiff so auf die höhere Ebene der Donau gehoben. Florian Seidl erklärt, dass eine Schließung etwa 20 Minuten dauert. „Mit dem benötigten Wasser, könnten wir einen Haushalt ein Jahr lang mit Strom versorgen. Aber zum Glück ist ja genug Wasser da“.

 

Mittlerweile ist es kalt geworden am Donaukanal. Die abendliche Sonne lässt noch ein paar müde Strahlen auf das Kraftwerk am Fuße des Habsburger Schlosses fallen und der Wind pfeift wie gewohnt um die schweren Betonwände von Ybbs-Persenbeug. Die Arbeiter packen langsam ihre Werkzeuge ein. Morgen Früh werden sie wieder kommen und das Ausnahmeprojekt vorantreiben.