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18. März 2014

Eine Stromversorgung, die atmet

Oliver Stahl, Gründer und CEO des deutschen VERBUND-Partners Entelios, über clevere Architektur und die Ertragspotenziale neuer Energie-Demand-Response-Systeme.

flow: Herr Stahl, was steckt hinter den Demand-Response-Systemen von Entelios?

Oliver Stahl: Demand Response ist ein Verfahren zur intelligenten Energiebedarfssteuerung. Durch die Steuerung von Lasten – also Stromverbrauchern, dezentralen Erzeugern und Speichern – schaffen wir somit ein virtuelles Kraftwerk.

flow: Und wie funktioniert so ein System?

Stahl: Wenn zu wenig Strom im Netz ist, kann zum Beispiel eine Anlage abgeschaltet oder ein bestimmter industrieller Stromverbrauch reduziert werden. Oder aber eine dezentrale Erzeugungsanlage zugeschaltet werden, um mehr Strom in das Netz zu speisen. Umgekehrt – wenn zu viel Strom in die Netze fließt, etwa durch erneuerbare Energien – kann durch Demand Response der Stromverbrauch erhöht werden. Zum Beispiel indem eine abgeschaltete Anlage wieder ans Netz gebracht, oder die Eigenerzeugung einer dezentralen Erzeugungsanlage gedrosselt wird.

flow: Das heißt konkret?

Stahl: Denken Sie nur an all die Zwischenspeicher in industriellen Prozessen – zum Beispiel für Pressluft und Wasser – oder in Pumpen, Lüftungsanlagen, Heizungen und Kühlungen. All diese flexible Energie hat einen Wert. Vielen Betrieben ist aber nicht bewusst, dass ihre Anlagen dieses Flexibilitätspotenzial haben und dass auch jemand bereit ist, dafür Geld zu bezahlen. Das ist das neue Geschäftsmodell. Wir sammeln diese – oft nur eher kleinen Flexibilitäten – hier 1 Megawatt, dort ein halbes. In Summe ergibt das einen großen Power Pool, der sich erlösbringend vermarkten lässt.

flow: Wer sind Ihre Kunden?

Stahl: An erster Stelle natürlich die Industrie- und Gewerbebetriebe. Denn diese stellen uns ihre überschüssige Energie-Flexibilität zur Verfügung. Und sie generieren so zusätzliche Einnahmen. Auf der anderen Seite sind es die Stromnetzbetreiber, wie in Österreich etwa die Austrian Power Grid AG. Diese haben ihre Regelenergie bislang fast ausschließlich bei den Kraftwerksbetreibern eingekauft. Jetzt bezahlen sie auch für die im Power Pool gebündelte Flexibilität der Verbraucher.

flow: Wie viel sind diese Flexibilitäten wert?

Stahl: In Deutschland können Betriebe für Sekundär-Regelenergie – diese  wird mit einer Vorlaufzeit von 5 Minuten abgerufen – durchaus zwischen 50.000 bis 60.000 Euro pro Jahr für 1 Megawatt erlösen. Für Tertiär-Regelenergie – diese wird mit einer Vorlaufzeit von 15 Minuten abgerufen – sind immerhin noch zwischen 10.000 und 20.000 Euro pro Jahr und Megawatt realisierbar. In Österreich sind die Preise sogar noch etwas besser.

flow: Warum wird Demand-Response erst jetzt angeboten? In den USA ist das doch schon seit etwa 10 Jahren Praxis.

Stahl: Das stimmt. In den USA gibt es heute bereits mehr als 30 Gigawatt an gesammelten flexiblen, freien Strommengen. Diese werden von zigtausenden Betrieben und Millionen von Haushalten – überwiegend mit Klimaanlagen – bereitgestellt. Die USA sind uns bei Demand Response um mindestens 10 Jahre voraus. Die Treiber dort waren große Stromausfälle in ganzen Regionen. Der Treiber in Europa sind eindeutig die erneuerbaren Energien.

flow: Warum ist das so?

Stahl: Anlagen für erneuerbare Energie liefern wetterabhängig unterschiedlich viel Storm und sind auch immer mehr in der Fläche verteilt. Nicht mehr ein zentrales Kraftwerk versorgt eine Region, sondern viele Wind- oder Solaranlagen. Das führt zum einen zu gänzlich überlasteten Netzsträngen. Andererseits ist der Strompreis aufgrund der auf Jahre hinweg subventionierten Einspeisevergütungen für erneuerbare Energien gesunken. Deswegen kommen jetzt die neuen Demand-Response-Systeme zum Einsatz.

flow: Heißt das, dieser Trend zu virtuellen Kraftwerken wäre ohne die Subventionspolitik für erneuerbare Energien gar nicht eingetreten?

Stahl: Definitiv nicht so schnell und nicht in diesem Ausmaß. Wir müssen diese Übergangszeit einer schwankenden Stromerzeugung optimal steuern. Und die neuen Demand-Response-Systeme sind ein wesentlicher Effizienzschritt – von einem statischen hin zu einem dynamischen Konzept. Wir bauen ein schwingendes, aber doch stabiles System, das Schwankungen in Erzeugung und Verbrauch jederzeit ausgleicht. Demand Response lässt das System atmen.   

Ihr wollt mehr über neue, innovative Geschäftsmodelle am Energiemarkt erfahren? Weitere Informationen findet ihr im aktuellen flow zum Thema „Chancen“.