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05. Juni 2014

Magic Touch? Über Nähe, Distanz und Grenzen

Welche Rolle spielt Berührung für die Entwicklung des Menschen? Und wie stark ist das Bedürfnis nach Nähe in unterschiedlichen Kulturen? Der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer im Gespräch mit flow.

flow_ Ohne Berührungen kann der Mensch nicht leben, sagen Studien. Körperliche Nähe sei für Säuglinge sogar notwendig, um sich geistig zu entwickeln. Gilt das für Erwachsene auch?

Wolfgang Schmidbauer_ Nein, ein erwachsener Mensch kann im Prinzip auch als Einsiedler leben, wie ja die Robinson-Geschichten belegen. Nur Kinder brauchen diese Zuwendung absolut. Es ist eine interessante, in der Realität aber noch nicht – wie in den Tarzan- und Mowgli-Geschichten – beantwortete Frage: Ob auch Säugetiere einer anderen Spezies diese Aufgabe erfüllen können? Ich denke eher nicht, denn ein Kind kann vermutlich nur die Menschensprache erlernen und verkümmert geistig, wenn ihm nur animalische Signale angeboten werden, die keiner Grammatik folgen.   

flow_ Distanz und Nähe wird in unterschiedlichen Kulturen anders gelebt und empfunden. Wie unterscheidet sich das Naheverhältnis des Mitteleuropäers im Vergleich zum Asiaten?

Schmidbauer_ Es gibt bereits in Europa große Unterschiede, wenn wir beispielsweise Neapel und London vergleichen. Praktisch überall beobachten wir kulturspezifische Rituale, welche Nähe regulieren. Ebenso universell ist eine Unterscheidung zwischen einer sogenannten Intimsphäre, etwa der Nähe innerhalb einer Familie, und der Öffentlichkeit. Zur modernen Konsum- und Mediengesellschaft gehört aber auch der Bruch solcher Rituale: zum Beispiel der Zungenkuss in der Öffentlichkeit. Ein genereller Unterschied zwischen Asiaten und Europäern ist wohl nur in Klischees zu finden; die Asiaten selbst sind noch viel weniger einheitlich zu sehen als die Mitteleuropäer. 

flow_ Sind sich ärmere soziale Schichten untereinander „näher“ als reiche, oft distanziert wirkende Menschen und Eliten?

Schmidbauer_ Die Antwort auf diese Frage führt zu einem Aspekt, der auch in der interkulturellen Betrachtung wichtig ist: Scham. Schamgefühle regeln, wie viel Nähe wir im Alltag zulassen. Je höher der Status, desto ausgeprägter sind auch die Schamängste – also die Angst, „das Gesicht zu verlieren“, aus der Rolle zu fallen. Der Spruch „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich’s gänzlich ungeniert“, fasst das ganz gut zusammen: Die ärmeren Schichten haben nicht soviel Ruf zu verlieren und leben daher ungenierter, zumindest untereinander. Sie kontrollieren sich nicht so sehr, schämen sich aber unter Umständen den Reichen gegenüber und verhalten sich dann womöglich sogar extrem distanziert. 

flow_ Verändert sich das Bedürfnis nach Nähe im Laufe der Lebensjahre?

Schmidbauer_ Auf jeden Fall. Vor allem in dem Wechselspiel von „sich lösen“ und „sich wieder annähern“ in der Kindheit. Kleine Kinder brauchen sehr viel Geborgenheit, größere Kinder brauchen die Freiheit, sich zu lösen. „Die ersten Schritte des Kindes führen von der Mutter weg“, hat ein Beobachter einmal gesagt. Das Kind braucht dann die Eltern als Hafen, aber es muss auch eigene Wege gehen. Das ist für Eltern und Kinder keine leichte Aufgabe. Affenmütter sind sehr zärtlich zu kleinen Kindern und schubsen große, die sich schon selbst versorgen können, energisch weg, wenn diese wieder an die Brust wollen. Dieses Wegschubsen ist auch ein wichtiger Entwicklungsanreiz. Wo es nicht gelingt, kann die autonome Bewältigung der Realität verkümmern und ein erwachsenes „Kind“ im Hotel Mama hängen bleiben.  

flow_ Abschließend: Ermöglichen uns das Internet und die neuen Medien mehr Nähe oder schaffen sie mehr Distanz in der Gesellschaft?

Schmidbauer_ Ich würde hier vom Entweder-oder absehen und ein Sowohl-als-auch bevorzugen. Das Internet ist sehr viel erfolgreicher, um Menschen zusammenzubringen, als die früher üblichen Anzeigen in Print-Medien. Mails erlauben eine vorsichtige, kontrollierbare Annäherung, die für nähe-ängstliche Menschen von höchstem Wert ist. Gleichzeitig kann es natürlich geschehen, dass Beziehungen im Virtuellen sozusagen hängen bleiben. 


Ihr wollt mehr zu diesem Thema erfahren? Weitere Fragen und Antworten aus dem Interview mit Wolfgang Schmidbauer findet ihr im aktuellen flow zum Schwerpunkt Nähe.