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In Ybbs-Persenbeug läuft die Uhr für Rotor Nr. 4 ab. Zum ersten und letzten Mal in seiner Geschichte muss der gewaltige Ring mit Schwerlastkränen ausgehoben werden. Die Spannung ist entsprechend groß.

Donaukraftwerke sind Giganten – das fängt bei den Arbeitswegen an und endet bei den atemberaubenden Dimensionen aller Anlagenteile. Rekordverdächtig ist das schwerste Teil einer Maschine: der Rotor. Er ist der magnetische Teil, der sich, von der Kraft der Donau angetrieben, dreht. Durch seine Bewegung wird aus der Kraft des Wassers Elektrizität. Es funktioniert wie ein simpler Fahrraddynamo – das Prinzip ist alt und bewährt.

In Ybbs-Persenbeug rotieren die Maschinen seit 1959 und der Rotor ist immer noch „Erstbestand“ – also ein echter Vertan. Exakt 427.827 Betriebsstunden weist die Betriebsstatistik für die Maschine 4 aus. Zeit also, dem Rotor die Rente zu gönnen.

Doch die Operation ist leichter gesagt als getan. Der Koloss wiegt 220 Tonnen- Stahlring, sternförmige Speichen und dichte Kupferwicklung zusammen (eigentlich ein Traum für die Buntmetall-Mafia). Das Donaukraftwerk ist mit zwei kräftigen Portalkränen ausgestattet, aber einer alleine wäre zu schwach. Also werden erstmals seit 50 Jahren beide Kräne verbunden. 
Am Schaltstand hoch über dem Kraftwerk sitzt Peter Fasching, einer der erfahrensten Kranführer an der Donau. Trotz 33 Jahren Erfahrung im Betrieb ist es auch für ihn eine Premiere, beide Kräne gleichzeitig zu steuern. 



Über 30 Arbeiter turnen um den zehn Meter breiten Ring, um hier die exakte Balance zu erreichen. Jede Abweichung würde den Ring verkanten, er könnte sich mit der Nabe verhaken und schere Schäden verursachen. Denn alle Komponenten vom Motor bis zu den Stahlseilen sind an der Grenze ihres Leistungsbereiches für diese einmalige Aktion.



Tief unten in der Donau ist von der Hektik oben nichts zu bemerken. In der Dämmerung sehen wir den gewaltigen Betonkegel, in dem das Kaplan-Laufrad normalerweise Strom für 50.000 Haushalte erzeugt. In dieser fast weihevollen Tiefe wird der Besucher von Respekt erfasst – Respekt für die Anstrengung und den Ideenreichtum der Nachkriegsgeneration, die mit diesem Bauwerk eine bahnbrechende Leistung vollbrachte. Ybbs-Persenbeug war das größte Kraftwerk seiner Zeit. Alle Komponenten haben mehr gehalten, als die Hersteller versprachen und laufen – nicht zuletzt dank fürsorglicher Wartung – immer noch. Doch die Technik schreitet voran und die Kompletterneuerung am Standort Ybbs-Persenbeug bringt so viel wie ein mittleres Laufkraftwerk an Salzach oder Mur, nämlich zusätzlichen  Strom für 17.000 Haushalte.



Kamerateams und Fotografen geben sich in der Krankabine die Klinke in die Hand, um von dieser technisch heiklen Operation berichten zu können. Der Weg ist ungemütlich, denn 20 Meter über der Donau pfeift der Wind grimmig durchs Gestänge. Die Kranfahrerkabine ist zwar mollig warm, aber doch recht eng. Über Funk kommen die Anweisungen von unten: „Beide Maschinen bis 5 Tonnen… nochmal 5 Tonnen… halt!“  Ständig wird unten die Ausgewogenheit des Rotors gemessen, von unten mit starken Bohlen abgestürzt und um jeden Zentimeter gerungen. Die ersten Zentimeter sind die schwierigsten. Ob nach 50 Jahren Betrieb nicht doch etwas Unvorhergesehenes passiert?



Zur allgemeinen Erleichterung geht alles buchstäblich glatt. Exaktes Zusammenspiel von Kraftwerksmannschaft, Monteuren der Firma Andritz und Kranpersonal heben den Rotor hoch. Zahlreiche Schaulustige, von den Lehrlingen bis zu Ybbser Spaziergängern, sind bei dem historischen Ereignis dabei. 



Nicht alle Tage fährt ein Koloss in den Ruhestand und der Schönwettergott hat ein Einsehen. Kurz, nachdem der Rotor sanft in der Werkstätte landet, tobt ein Regensturm über die Donau, der Peter Fasching in seiner Krankanzel und den Arbeitern an den Stahlseilen ordentlich Kopfzerbrechen hätte bereiten können. Wasserkraft ist eben auch Naturgewalt.