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19. Oktober 2015

Ausdauerschwimmer Erik Demczuk: "Erschöpfung inspiriert mich"

Der Klagenfurter Erik Demczuk will als erster Mensch die Wolga durchschwimmen. Dafür trainiert der 49-Jährige auf extremen Distanzen: Anfang Juni überquerte der Ausdauerschwimmer vier Kärntner Seen an einem Tag. Im Juli kraulte er 51 Kilometer durch den Wörthersee. Sein größtes Projekt startet der Café-Besitzer im kommenden Jahr: Von Juni bis Anfang August 2016 will er die Wolga durchschwimmen

3.530 Kilometer flussabwärts, von den Waldaihöhen im Nordwesten Moskaus Richtung Süden bis ins Kaspische Meer. Für sein Projekt wagt Demczuk einen Neuanfang: „Ich werde mein Café aufgeben. Danach widme ich mich nur noch dem Training.“

flow: Herr Demczuk, kennen Sie die Wassertemperatur der Wolga?
Erik Demczuk:
Klar. Im Juni wird sie rund sechzehn Grad haben.     

flow: Sie wollen 3.500 Kilometer durch diesen Fluss schwimmen. Sechzehn Grad klingen nicht gemütlich.
Demczuk: Ich werde meinen Neopren-Anzug tragen, zwei Millimeter dick, ohne Ärmel. Das schützt gegen die Kälte. Mein Plan lautet, pro Tag fünfzig bis sechzig Kilometer zu schwimmen. Anfang August 2016 will ich am Kaspischen Meer sein.

flow: Wie kommt ein Klagenfurter Café-Besitzer auf die Idee, in Russland durch Europas längsten Fluss zu schwimmen?
Demczuk:
Ich habe mich gefragt, was ich mit 49 Jahren noch erreichen kann. In meinem Alter haben die meisten Menschen eine Familie gegründet, ein Haus gebaut und arbeiten in soliden Berufen. Ihre körperliche Leistungsgrenze kennen aber nur die wenigsten. Ich möchte diese Grenze für mich ausloten. Dafür gebe ich mein gesichertes Leben auf.

flow:
Was fasziniert Sie am Ausdauerschwimmen?
Demczuk:
Dass man dabei gut nachdenken kann. Nach ein, zwei Stunden im Wasser beginne ich zu philosophieren. Ich stelle mir Fragen: Was ist im Leben wichtig? Was brauche ich, um glücklich zu sein? Beim Schwimmen denke ich über meine Ziele nach. Und diese Ziele liegen im Wasser.

flow: War das schon immer so?
Demczuk: Nein, ich habe 25 Jahre gebraucht, um ins Wasser zurückzukehren. Als Kind habe ich in der Schwimmmannschaft meiner Heimatstadt Łódź trainiert. Als ich berufstätig war, fehlte mir dazu die Zeit. Ich war selbständig, habe bis zu 90 Stunden pro Woche gearbeitet und vor sieben Jahren mein Café eröffnet. Irgendwann bekam ich Rückenschmerzen vom Stehen. Da bin ich ins Hallenbad nach Klagenfurt und habe wieder trainiert. Ergebnis: Die Schmerzen waren weg. Aber ich konnte nicht mehr aufhören zu schwimmen.

flow: Was meinen Sie damit?
Demczuk: Ich merkte, dass ich immer größere Distanzen schaffe. Ich bin eine Stunde geschwommen. Danach drei Stunden, vier Stunden, zehn Kilometer. Vor zwei Jahren habe ich dann auf YouTube die Dokumentation „Big River Man“ entdeckt. Der Film begleitet den slowenischen Ultra-Distanzschwimmer Martin Strel bei seiner Durchquerung des Amazonas. Man sieht, wie unglaublich erschöpft dieser Mann ist. Seine Freunde mussten ihn nach dem Schwimmen ins Bett tragen. Das hat mich fasziniert.

flow: Sie finden Erschöpfung faszinierend? 
Demczuk: Das Überwinden von Erschöpfung. Ich finde es inspirierend, dass es nicht nur Super-Athleten gibt, die alle Ziele auf Anhieb erreichen. Sportler wie Martin Strel sind mental so stark, dass sie körperliche Schmerzen unterdrücken können, um weiterzumachen. Ich möchte wissen, ob ich das auch kann.

flow: In der Wolga werden Sie genug Gelegenheit dazu haben: Sie werden unter Krämpfen leiden und Ihre Arme und Beine nicht mehr spüren. Wie verhindern Sie, dass Sie in solchen Momenten aufgeben? 
Demczuk: Ich bin schon mal fünfzig Kilometer geschwommen und kenne das Gefühl. Die Angst zu versagen treibt mich in solchen Momenten vorwärts. Die größte Herausforderung beim Durchschwimmen der Wolga ist die Monotonie. Sechzig Tage lang mehrere Stunden pro Tag im Wasser zu sein. Das hält der Kopf nur schwer aus.

flow:
Außerdem gibt es sechs große Staudämme entlang des Flusses, Stromschnellen und Schiffsverkehr. Wie bereiten Sie sich auf die Strecke vor?
Demczuk: Ich werde die Wolga im Herbst mit dem Auto abfahren und mir die gefährlichen Stellen ansehen. Nächstes Jahr werden mich dann zwei Freunde begleiten. Einer fährt im Wohnwagen neben der Strecke mit. Der andere begleitet mich am Stand-up-Paddle-Board auf dem Wasser. Er wird mein Wegweiser sein und mich mit Proviant versorgen.

flow: Sie trainieren seit vier Jahren. Wie hat Sie der Ausdauersport als Mensch verändert?
Demczuk: Ich fühle mich stärker als früher. Der Mensch hält viel mehr aus, als er glaubt. Einmal habe ich nach einer Trainingseinheit zu Hause Pflastersteine verlegt. Vor vier Jahren hätte ich nie geglaubt, dass ich das schaffe.

flow:
Diese Ausdauer haben nur die wenigsten Menschen.
Demczuk: Nicht jeder muss Extremschwimmer werden. Ausdauer ist überall wichtig: im Sport, im Beruf, sogar in der Liebe. Man kann keine Beziehung ohne Ausdauer führen. Du musst einstecken können. Und viel zurückgeben.

flow: Apropos - Was sagt eigentlich Ihre Lebensgefährtin zu Ihrem Schwimm-Projekt?
Demczuk: Der ging es anfangs wie meinen Freunden: Sie hielten es für einen Witz. Das ist eine normale Reaktion, wenn jemand etwas Neues wagt. Aber ich glaube, mittlerweile weiß sie, dass ich es ernst meine.


Zur Person:
Erik Demczuk wird 1966 in der polnischen Stadt Łódź geboren. Als Sechsjähriger sieht er im Fernsehen den Schwimmer Mark Spitz bei den Olympischen Spielen in München. Der Amerikaner gewinnt sieben Goldmedaillen. Demczuk beginnt zu schwimmen. Er wird Jugendmeister über 25 und 50 Meter Kraul.

Später studiert er Grafik-Design, arbeitet in Deutschland, Polen und Österreich als Hotelier und Leiter einer Baufirma. In Klagenfurt eröffnet der Vegetarier 2008 das Petit Café. 2011 beginnt er wieder zu schwimmen. Bei seinem Wolga-Projekt will sich Demczuk 2016 von zwei Kameras filmen lassen. Sie werden die Bilder live ins Internet übertragen.


Interview: Andreas Rottenschlager