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Die Zentralwarte an der Drau ist rund um die Uhr besetzt. Auch zu Weihnachten. Erwin Wultsch sieht es pragmatisch: „Wenn ich im Dienst bin, dann konzentriere ich mich auf meine Arbeit, da gibt es ohnehin keine Zeit für Ablenkung.“ Denn der Job von Erwin Wultsch erfordert volle Konzentration.

Als Leitwarten-Operator überwacht und steuert er die zehn großen Wasserkraftwerke an der Kärntner Drau. Auch am Heiligen Abend. „Dienst ist Dienst“, sagt Wultsch, und Dienstbeginn für die Nachtschicht am 24. Dezember ist um 18 Uhr. Die Übergabe vom Kollegen der Tagschicht erfolgt routiniert: Die „Fahrpläne“, also die konkret geplante Stromerzeugung der einzelnen Kraftwerke. Dann die aktuellen Schaltzustände in den Anlagen, eventuell noch eine Mängelliste, die für den Kraftwerkseinsatz zu berücksichtigen ist. Und dann ist Erwin Wultsch allein im großen Leitkraftwerk in Feistritz im Rosental. Hier ist die Zentralwarte für die Draukraftwerke eingerichtet, ein Kontrollzentrum mit unzähligen Monitoren, vergleichbar mit der Flugverkehrskontrolle in der Luftfahrt.

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Auf den Bildschirmen sind tausende Parameter abrufbar, die Wasserführung der Drau, Drehzahl der Maschinen, Temperaturen, etc. Mit einem Maus-Click kann Erwin Wultsch die Bilder von Dutzenden Überwachungskameras einsehen, vom Kraftwerk Kellerberg bis zum 150 Kilometer drauabwärts gelegenen Kraftwerk Lavamünd. Die zehn VERBUND-Kraftwerke an der Drau liefern mehr als 60 % des gesamten Kärntner Jahresstrombedarfs. Auch am Heiligen Abend sind alle Kraftwerke in Betrieb.

In Rosegg steht eine Maschine nicht zur Verfügung, weil das Kraftwerk gerade mit neuen Turbinen und Generatoren ausgerüstet wird. „An Werktagen wurde im Dezember im Kraftwerk Rosegg meist bis spät in den Abend hinein gearbeitet“, erzählt Wultsch. Am Weihnachtsabend jedoch ist auch dieses große Draukraftwerk menschenleer, wie die Kamerabilder belegen. Von den mehr als 100 Kolleginnen und Kollegen, die in der Kraftwerksgruppe an der Drau beschäftigt sind, ist an diesem Abend nur einer an seinem Dienstort: Leitwarten-Operator Erwin Wultsch.

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Freilich, würden bei einem der Kraftwerke Probleme auftreten, sind insgesamt fünf Kollegen der Rufbereitschaft schnell vor Ort. Mit über 30 Jahren Berufserfahrung kann Erwin Wultsch erzählen, dass der Weihnachtsdienst mitnichten garantiert unaufregend ist. Wetterkapriolen richten sich schließlich nicht nach Feiertagen, und das berüchtigte „Weihnachtstauwetter“ sorgt bei Kraftwerkern immer wieder für erhöhte Aufmerksamkeit. „Vor fünf Jahren hatten wir in Kärnten im Dezember wochenlang zweistellige Minustemperaturen, drei Tage vor Weihnachten dann plötzlich Tauwetter mit Regen“, erinnert sich Wultsch. Bei erhöhter Wasserführung müssen die Wehrfelder bei den einzelnen Kraftwerken eingestellt werden, jede Sekunde stürzen Tonnen von Wasser über die Wehrklappen bis zu 20 Meter in die Tiefe. Beschaulichkeit sieht anders aus.

Erwin Wultsch ist einer von sechs Leitwarten-Operatoren an der Drau: „Wenn man im Schichtdienst arbeitet, ist jedem klar, dass man auch an Feiertagen Dienst hat.“ Aber als ungeschriebenes Gesetz der Diensteinteilung an der Drau gilt: Wer am Weihnachtsabend Dienst hat, hat in der Silvesternacht frei.