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10. Oktober 2016

„Strommarkt braucht mehr Europa!“

Die deutsch-österreichische Strompreiszone muss weiterbestehen, das ist für Stephan Sharma klar. Der VERBUND-Experte für Energiewirtschaft und Geschäftssteuerung und sein Appell für einen europäischen Strommarkt.

VERBUND-Experte Stephan Sharma
© Fotostudio WILKE

flow_Herr Dr. Sharma, für viele gilt die deutsch-österreichische Strompreiszone als Paradebeispiel für Integration. Warum wird aktuell über ihre Auflösung diskutiert?

Stephan Sharma_ Die Herausforderung lässt sich mit einem Gartenschlauch vergleichen. Macht man in diesen einen Knoten und dreht das Wasser auf, platzt er. Auch Strom fließt nur, solange es keine Engpässe im Netz gibt. Diese Situation haben wir zurzeit in Deutschland: Der Norden von Deutschland produziert nach dem Ausbau der Windkraft sehr viel Energie. Die großen industriellen Abnehmer sitzen aber im Süden und in Österreich. Da es in der Mitte Deutschlands zu wenige Netze gibt, entsteht ein „Knoten“. Der Strom sucht sich nun seinen Weg über Polen und Tschechien und das überlastet die dortigen Netze. Manche geben dem freien Handel in der deutsch-österreichischen Preiszone die Schuld daran.

flow_Trotz „leckem Gartenschlauch“: Warum darf es nicht zu einer Trennung kommen?

Sharma_In dieser Zone werden jährlich rund 6.000 Terrawattstunden Strom gehandelt. Sie bildet den liquidesten Strommarkt in Europa. Der gemeinsame Handelspreis ist europaweit einer der niedrigsten und gilt als Referenzwert für andere Länder. Was zudem gerne vergessen wird: Wir haben hierzulande kaum Blackouts und eine hohe Versorgungssicherheit – auch das ist ein Verdienst des gemeinsamen Marktes.

flow_Die Preiszone ist somit ein Vorzeigemodell. Was sind die Erfolgsfaktoren?

Sharma_Die Stärken der beiden Länder spielen gut zusammen: Deutschlands reiche Wind- und Photovoltaik-Erzeugung kann Österreich mit seinen Pumpspeicherkraftwerken effizient speichern. Dieses Konzept ließe sich natürlich europaweit ausweiten. Auch in Skandinavien, der Schweiz oder Frankreich gibt es zum Beispiel hervorragende Speicherpotenziale.

flow_Kappt man die deutsch-österreichische Stromhandelszone, fällt man wieder zurück in alte Muster. Welche Folgen hätte das?

Sharma_Die Belastungen wären für Konsumenten in beiden Ländern zu spüren. Österreich könnte bei Bedarf den überschüssigen Strom nicht mehr so leicht importieren. In Deutschland gäbe es hingegen ein Speicherproblem. Beides belastet den Preis. Hinzu kommt: Heute wird bei uns Strom im Voraus bis 2022 gehandelt. Diese Verträge müssten bei einer Aufteilung der Zone geändert werden – 26 Milliarden Euro stehen dabei auf dem Spiel. Darüber hinaus hat es eine starke Signalwirkung, wenn die einzige länderübergreifende Preiszone Europas aufgelöst wird.

flow_Für welche Lösung tritt VERBUND ein?

Sharma_Wir plädieren klar für einen Netzausbau. Um diese Zeit zu überbrücken, ist ein temporäres Engpassmanagement notwendig. Gemeinsam mit weiteren Mitstreitern – wie Industrieverbänden oder Oesterreichs Energie – engagieren wir uns stark für diese Lösung. Preiszonen sollten aufgrund der Netzsituation gebildet werden und nicht anhand nationaler Grenzen, auch das EU-Recht sieht das so vor.

flow_Was wünschen Sie sich von der Politik für den Strommarkt der Energiezukunft?

Sharma_Es muss klar sein: Herausforderungen wie der Klimawandel, Versorgungssicherheit und Stromkosten gehen uns alle an. Dabei darf nationales Denken nicht im Wege stehen. Für die Energiezukunft braucht es daher neben dem Ausbau der Netze auch mehr Europa in den Köpfen der Entscheidungsträger. Nur wenn wir die Potenziale aller Länder nutzen und faire Regeln für einen europäischen Energiemarkt schaffen, wird es künftig leistbaren und umweltfreundlichen Strom für alle geben.

flow_Vielen Dank für das Gespräch!

Ihr wollt mehr zur deutsch-österreichischen Strompreiszone erfahren? Weitere Infos findet ihr bei Oesterreichs Energie.