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23. November 2017

Mit Strom und ohne Fahrer: Unterwegs in der Zukunft

Selbstfahrende Elektroautos, E-Busse und Robotertaxis? Was nach Zukunftsmusik klingt, könnte laut Experten Karl Rehrl bald Realität sein.

„Der letzte Kilometer ist der Knackpunkt“, sagt Karl Rehrl. „Die Lücke zwischen Haltestelle und Wohnort oder Reiseziel bequem zu überwinden, ist ein entscheidendes Kriterium, ob jemand öffentliche Verkehrsmittel oder das Auto wählt. Hier gilt es, den Menschen ein attraktives Angebot zu machen.“ Rehrl glaubt, dieses Angebot bereits gefunden zu haben. Und spricht dabei von jenem Mobilitätstrend, der für viel Diskussionsstoff in der Öffentlichkeit sorgt: automatisiertes Fahren. Schon seit über zehn Jahren beschäftigt sich der Leiter des Forschungsschwerpunkts Mobilität bei Salzburg Research, einem der führenden Forschungsinstitute Österreichs, mit Mobilitätslösungen der Zukunft. Dabei hat Rehrl vor allem zwei Zielvorgaben vor Augen: die Erhöhung von Komfort und Sicherheit für Fahrgäste, sowie die Senkung des Energieverbrauchs. Beide Kriterien scheinen beim automatisierten Fahren erfüllt zu werden.
Experte Karl Rehrl blickt optimistisch in die Energiezukunft.
Vorausblickend: Der Salzburger Mobilitätsforscher Karl Rehrl befasst sich mit automatisiertem Fahren. Sein Pilotprojekt – ein autonomer Minibus – erregte Aufsehen. © Thomas Topf

Pilotprojekt in Salzburg
Vom Komfort und der Energieeffizienz selbstfahrender Fahrzeuge konnten sich Mobilitätsforscher Karl Rehrl und sein Team bereits im Herbst 2016 überzeugen. Dabei wurde in Salzburg, erstmals auf Österreichs Straßen, der selbstfahrende Elektro-Minibus „Navya Arma" getestet. Der Minibus, in Frankreich bereits im Regelbetrieb im Einsatz, soll ab Frühjahr 2017 auch über Salzburgs Bundesstraßen rollen – fahrerlos. Das ganzheitlich elektronische Fahrzeug hat eine Kapazität von bis zu 15 Personen und eine Maximalgeschwindigkeit von 50 km/h. Ausgestattet ist der intelligente E-Bus mit Multi-Sensor-Technologie, wie LiDAR-Sensoren (Light detection and ranging), GPS oder Stereokamera. „Wir denken hier vor allem an eine Attraktivitätssteigerung des öffentlichen Personennahverkehrs im ländlichen Raum", betont Rehrl. Einsetzbar wäre der Bus beispielsweise als „Pendlershuttle", zwischen Bahn- oder Bushaltestelle und Ortszentrum, aber auch als Shuttle-Service im Tourismusbereich. Doch Wissenschaftler Rehrl ist Realist genug, um zu wissen: „Autonomes Fahren wird nicht von heute auf morgen umsetzbar sein." Dazu bedarf es noch weiterer, intensiver Forschungstätigkeiten. Ebenso gelte es, Aufklärungsarbeit zu betreiben, um emotionale Vorbehalte der Menschen abzubauen.

Experte Karl Rehrl sieht automatisiertes Fahren als Megatrend im Bereich Mobilität.
Noch klingt es nach Science Fiction – Karl Rehrl sieht automatisiertes Fahren als Megatrend im Bereich Mobilität © Thomas Topf
Hype um denkende Fahrzeuge
Experten sehen im automatisierten Fahren einen Megatrend im Bereich Mobilität. Schon heute steigt die Anzahl von „Robotertaxis“, fahrerlosen Lkw und Bussen. Die Vorteile liegen auf der Hand – oder vielmehr auf der Straße: 90 % aller Unfälle passieren aufgrund menschlichen Fehlverhaltens, diese konnten durch selbstfahrende Fahrzeuge deutlich reduziert werden. Zudem bliebe Mobilität auch im Alter erhalten. Ein weiterer positiver Effekt ist die Senkung des Energieverbrauchs, der durch „vorausschauende“ Datennutzung eine Verbesserung des Verkehrsflusses ermöglichen würde. Nicht zu vergessen: der gesteigerte Fahrkomfort, wie das „Führen“ des Fahrzeugs im Stau oder bei der Parkplatzsuche. Doch die Entwicklung zum „Fahrzeug ohne Fahrer“ bringt auch eine Reihe von Fragen mit sich: Wie verändern selbstfahrende Fahrzeuge unsere Mobilität? Welche rechtlichen und moralischen Antworten gibt es, wenn „Cybercars“ die Kontrolle übernehmen? Und: Wie sicher ist automatisiertes Fahren?
E-Busse sind in Salzburg bereits Realität.
Karl Rehrl auf Salzburgs Straßen: Hier sind E-Busse bereits Realität. © Thomas Topf

Aus fürs Statussymbol Auto?
Das eigene Auto gilt heute für viele Menschen als Symbol von Freiheit, Wohlstand und Individualität. Diese Errungenschaften durch automatisierte Mobilitätssysteme infrage zu stellen, ist ein heikler Prozess. „Vertrauen und Sicherheit sind die Schlüssel zur gesellschaftlichen Akzeptanz“, glaubt Arno Eichberger vom Institut für Fahrzeugtechnik an der Technischen Universität Graz. Hier gelte es, den Hebel anzusetzen. Der Leiter des Forschungsbereichs „Fahrerassistenz, Fahrdynamik, Fahrwerk“ spricht sich für entsprechende rechtliche Rahmenbedingungen aus. Beispielsweise die Klärung der Haftungsfrage: Wer zahlt beziehungsweise trägt die Schuld, wenn der Autopilot gefahren ist?

In Zukunft könnten, so Eichberger, Hersteller oder Versicherungen die Haftung übernehmen, wie dies bereits bei Volvo oder der Allianz Versicherung praktiziert wird. „Die meisten Unfälle im Flugverkehr sind dann passiert, wenn der Mensch beim Autopilot eingegriffen hat“, sagt Eichberger. Deshalb wäre es besser, die Menschen komplett aus automatisierten Systemen herauszunehmen. Hier gelte es, stufenweise technische Methoden zur Absicherung aller Verkehrsteilnehmer zu entwickeln, sowie Fragen zu Ethik und Haftung zu klären. Im Mix aus klimafreundlichen Mobilitätsformen – wie Öffis, E-Mopeds, E-Bikes oder Carsharing – sieht Mobilitätsexperte Karl Rehrl jedenfalls den Weg in die Zukunft. Ebenso in der Ausrichtung zur Elektromobilität. Bis wann, glaubt er, werde sich automatisiertes Fahren flächendeckend durchsetzen? „Die Leute werden sich sehr rasch an automatisiertes Fahren gewöhnen“, ist sich Rehrl sicher. „Es wird normal werden, so wie die fahrerlose U-Bahn. Und mit dem Smartphone werden wir entscheiden, welches Verkehrsmittel gerade am sinnvollsten für uns ist.“

Saubere Mobilität ist auf dem Vormarsch – drei Trends im Fokus:

  • Elektrisch durchs Land
    Nicht nur automatisiertes Fahren ist im Kommen, auch die Elektromobilität erlebt Aufwind. Mitverantwortlich dafür ist die VERBUND-Joint Venture SMATRICS. Der Pionier öffentlicher Ladeund Schnellladestationen in ganz Österreich definiert sich als Komplettanbieter für ganzheitliche Lösungen. Das Leistungsspektrum umfasst Installation und Wartung privater Ladestationen („Wallboxen“) ebenso wie maßgeschneiderte „Management Infrastructure“-Pakete für Private und Unternehmen. Mit mehr als 400 Ladepunkten hat SMATRICS österreichweit das einzig flächendeckende Hochleistungsnetz errichtet. Ab 2017 setzt das Unternehmen auf Ladestationen mit bis zu 350 kW, die sieben Mal schnellere Ladevorgänge als bisher ermöglichen. Der Strom wird zu 100 % aus Wasserkraft gespeist. smatrics.com
  • Elektromobilität
    Elektroautos, E-Mopeds, E-Bikes ... Elektromobilität ist auf dem Vormarsch. Weltweit hat sich im vergangenen Jahr alleine die Zahl der Elektroautos auf 1,3 Millionen fast verdoppelt. Auch in Österreich verdoppeln sich jährlich die Neuzulassungen von E-Autos. Treiber dieser Entwicklung sind die zunehmende Reichweite mit über 500 Kilometern, sowie verschiedene Fördermodelle: In Österreich wird der Kauf von privaten E-Fahrzeugen mit 4.000 Euro Ankaufsförderung unterstützt. Einen Kaufzuschuss in Höhe von 375 Euro gibt es auch für Elektrofahrräder und E-Mopeds.
  • Carsharing
    Teilen ist das neue Haben. Auch, wenn es um die Autonutzung geht. Studien belegen, dass ein Carsharing-Auto etwa zehn Privatwagen auf der Straße ersetzt. Dass Carsharing gerade bei Großstadtbewohnern einen multimodalen Denkansatz fördert und dazu beiträgt, die Nutzung des eigenen Pkw in der Stadt zu reduzieren, belegt eine Umfrage von car2go und DriveNow: Die Hälfte der befragten Nutzer besitzt kein eigenes Auto, 37 % haben ihren Pkw in den letzten Jahren sogar abgeschafft. Carsharing ist auch ein wichtiger Treiber in Sachen Elektromobilität und gilt – gerade wenn emissionsfrei – als nachhaltiger Zukunftstrend.

Interview mit Michael-Viktor Fischer: „Die E-Tankstelle zu Hause ist Realität“

flow_Der Ausbau der Ladeinfrastruktur ist ein wesentlicher Aspekt bei der Elektromobilität. Wie ist hier der Stand der Dinge?

Michael-Viktor Fischer_Wir haben für ganz Österreich eine flächendeckende Ladeinfrastruktur geschaffen. Derzeit umfasst dieses Netz ungefähr 400 Ladepunkte. Das heißt, etwa alle 60 Kilometer findet man eine Ladestation. Benutzer von Elektroautos können sich überall entsprechend frei bewegen. Der Großteil der Ladepunkte befindet sich dabei am Arbeitsplatz oder daheim. Man kann sagen: Die E-Tankstelle zu Hause ist bereits Realität. Neben dem Ausbau des öffentlichen Ladenetzes legen wir auch hohen Wert auf Dienstleistungslösungen. Diese bieten wir für private Personen ebenso an, wie für Unternehmen. Dabei betreuen wir sämtliche Services, vom Lademanagement bis zu Abrechnungsmodalitäten.

flow_Dauer und Einfachheit des (Schnell-)Ladevorgangs beim Elektroauto sind ebenfalls zentrale Themen. Welche Angebote gibt es hier?

Fischer_Der nächste Schritt sind noch schnellere Ladestationen. Von bisher 22-kW- und 50-kW-Ladestationen werden wir zukünftig ein Netz mit bis zu 350-kW-Stationen aufbauen. Das bedeutet: sieben Mal schnellere Ladevorgänge als bisher. Wir werden 2017 auch das induktive Aufladen forcieren. Diese besondere Lademethode ermöglicht es, statt mit Kabel und Stecker den Strom über eine Ladeplatte im Boden berührungslos zu übertragen. Das ist sehr bequem und einfach.

flow_Welche Anreize und Fördermaßnahmen braucht es, um den Umstieg auf Elektromobilität für den Verbraucher schmackhaft zu machen?

Fischer_Es gibt in Österreich unterschiedliche Förderungsmodelle für den Ankauf von Elektrooder Plug-in-Hybridfahrzeugen. Die österreichische Bundesregierung ist da sehr aktiv. Im Vorjahr wurde ein Förderpaket von 72 Mio. Euro beschlossen. Ab März 2017 gibt es einen Zuschuss für Elektroautos von 4.000 Euro für Private. Für Firmen überdies einen Vorsteuerabzug für E-Autos. Und: Für Elektroautos muss auch keine motorbezogene Versicherungssteuer bezahlt werden. Alles gute, wirtschaftliche Argumente, die nicht umsonst jährlich zu einer Verdoppelung der Neuzulassungen von Elektroautos führen.

Zur Person
Dr. Michael-Viktor Fischer
ist seit 2012 Geschäftsführer des österreichischen Ladenetzbetreibers SMATRICS. Fischer gilt als international erfahrener Marketing- und Vertriebsexperte mit langjähriger Erfahrung im Automobilsektor.

Quelle: flow 15, Herausgeber VERBUND, Autor Helmut Wolf

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