Noch 300 Tage bis zum freien Strommarkt

08.11.2000Wien

Am 1. Oktober 2001 – so sieht es das neue ElWOG vor – wird der Strommarkt in Österreich vollständig geöffnet sein.

Jede Österreicherin und jeder Österreicher kann dann den Lieferanten frei wählen. „Wenn alle Beteiligten aus Politik und Energiewirtschaft an einem Strick ziehen, dann sind in den verbleibenden 300 Tagen die erforderlichen technischen und administrativen Voraussetzungen zu schaffen“, erklärte Dipl.-Ing. Dr. Herbert Schröfelbauer, stv. Sprecher des Vorstandes des VERBUND, des größten Elektrizitätsunternehmens Österreichs, heute, Mittwoch, bei einem Pressegespräch in Wien.

Schröfelbauer: „VERBUND selbst ist fit für den neuen Strommarkt. Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht und können uns zeitgerecht in das neue Modell der österreichischen E-Wirtschaft einfügen.“

In Österreichs neuem Strommarkt, der sich im Modell an Skandinavien anlehnt und die Trennung von Netz und Erzeugung plus Handel zum Prinzip hat, fehlen noch zwei wichtige Schlüsselrollen: Die wichtigsten Schritte nach einer zu erwartenden baldigen Kundmachung des neuen Elektrizitätswirtschafts- und -organisationsgesetzes (ElWOG 2000) sind die Bestellung des Strommarkt-Regulators sowie die Schaffung der Clearingstelle für Ausgleichsenergie.

„Wenn diese Institutionen bis Jahresbeginn 2001 eingerichtet sein sollten, wovon wir ausgehen wollen“, so Schröfelbauer, u.a. für technische Belange zuständiger VERBUND-Vorstandsdirektor, „dann erscheint uns ein pünktlicher Start der Volliberalisierung des heimischen Strommarkts vom technischen Standpunkt her gewährleistet.“

VERBUND selbst hat mehrere Voraussetzungen für seine zeitgerechte Integration in das neue Strommarktmodell geschaffen. Über die EU-Richtlinie hinaus wurden bereits eigene Gesellschaften für Erzeugung (Austrian Hydro Power), Transport (Austrian Power Grid) und Handel (Austrian Power Trading) gegründet.

Gemeinsam mit Banken und dem Softwareunternehmen „smart technologies“ als Mehrheitseigentümern hat die Austrian Power Grid (APG) als Minderheitsbeteiligter die Austrian Power Clearing & Settlement GmbH. (APCS) gegründet. Diese bewirbt sich um eine Konzession zur Abrechnung der Strom-Ausgleichsenergie. Darunter versteht man die Differenz der von den Lieferanten tatsächlich in das Stromnetz eingelieferten elektrischen Energie (Kraftwerke, Importe) und der von ihren Kunden entnommenen Mengen (Endverbraucher, Exporte).

Nicht zuletzt ist der VERBUND mit 56 weiteren Energieversorgern an einem großanlegten Feldversuch beteiligt, in welchem das Clearing-Modell für Ausgleichsenergie – bisher erfolgreich – getestet wird.

„Das Stromnetz wird im freien Markt genau so sicher sein wie bisher“, erklärte Dipl.-Ing. Dr. Robert Hager, Geschäftsführer der Austrian Power Clearing & Settlement (APCS). „Der einzelne Stromkonsument kann seinen Netzbetreiber nicht wechseln; dieser ist gesetzlich zu einem sicheren Netzbetrieb verpflichtet und untersteht der Kontrolle des Strommarktregulators, der die Netztarife (analog der Grundgebühr beim Telefon) festlegt“, führte Hager aus. „Dagegen kann jeder einzelne Stromkunde frei entscheiden, wer ihm die Ware Strom liefert, also die günstigste Kilowattstunde (analog der Gesprächsminute beim Telefon).“

Zum Wechsel des Stromlieferanten wird es laut Hager genügen, ein Formular bei einem Händler, etwa eine Supermarktkette, oder im Internet auszufüllen. Alle weiteren Schritte und Maßnahmen hat die E-Wirtschaft zu leisten.

„Unser Feldversuch, bei dem wir die 57 Teilnehmer in unser Clearingmodell integrieren, läuft bisher sehr gut“, sagte Hager. „In unserem Zeithorizont sollten – die Erlangung der Konzession vorausgesetzt – die restlichen Stromlieferanten ab März 2001 eingebunden werden. Im Juli müßte dann jedenfalls der Testbetrieb des Gesamtsystems beginnen, dann steht dem Start am 1. Oktober 2001 nichts im Wege.“

In Österreich gibt es ca. 4 Millionen Stromzähler in privaten Haushalten und bei anderen Kleinverbrauchern. Für den freien Strommarkt sind in den meisten Fällen keine neuen Stromzähler notwendig, stellte Dr. Reinhard Haas vom Institut für Energiewirtschaft der TU Wien fest. In bezug auf die praktischen Lastganglinien liegen ausreichend Erfahrungen vor, um über standardisierte Lastprofile einen raschen Versorgerwechsel durchführen zu können.