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01. August 2017

Im Slalom zwischen Orchidee und Auwald

Die Fischwanderhilfe beim Kraftwerk Greifenstein döst in der Hitze. Die Arbeiten legen eine Sommerpause ein, um Ende August wieder voll anzulaufen. Die gewundene Streckenführung war nicht die einzige Herausforderung für Projektleiter David Oberlerchner.

Einlaufbauwerk aus Beton bei der Fischwanderhilfe Greifenstein
Das mächtige Einlaufbauwerk sorgt dafür, dass die Fischwanderhilfe die richtige Menge an Wasser aus der Donau erhält.
Das Donaukraftwerk Greifenstein war bei seiner Eröffnung im Jahr 1985 ein ökologisches Vorzeigeprojekt. Stolz präsentierten Unternehmensleitung und Wissenschaftler den „Gießgang“, dem das Kraftwerk Greifenstein sein Natura2000 Schutzgebiet verdankt. Durch ein System künstlicher Staubecken in der Au wurde die Landschaft vor der Austrocknung gerettet und die Folgen des Hochwasserschutzes und Wiesendrainage repariert. (Dass das Kraftwerk dennoch nicht als leuchtendes Beispiel alle Bedenken gegen den Bau von Hainburg zerstreuen konnte, steht auf einem anderen Blatt der österreichischen Industriegeschichte).

Doch die Wissenschaft bleibt nicht stehen und 30 Jahre später geht es nicht mehr (nur) um Renaturierung, sondern um die Verbindung von Lebensräumen an der teilweise hart verbauten Donau. Im Projekt „LIFE+ Netzwerk Donau“ hat es sich VERBUND zum Ziel gesetzt, bestehende ökologische Trittsteine an der Donau zu verbinden und dabei die Donaukraftwerke für die Fische passierbar zu machen. Unterstützt wird das Projekt von sechs Finanzierungspartnern: der EU im Rahmen des LIFE+ Programms, dem Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft, den Landesregierungen von Ober- und Niederösterreich sowie den Landesfischereiverbänden Ober- und Niederösterreich.

David Oberlerchner leitet das Paket an Maßnahmen. Beim Projekt der Fischwanderhilfe Greifenstein hat er selbst die Detailprojektleitung inne. Darum kennt er auch die verblüffenden Details.

Lageplan von der Fischwanderhilfe Greifenstein

Im Slalom durch die Landschaft

In der unmittelbaren Nachbarschaft der Baustelle für die Fischwanderhilfe liegt das üppige Naturschutzgebiet des Gießganges. Die Qualität der Landschaft erzwang einige Schleifen und Umwege. „Eigentlich wollten wir einen alten Fußballplatz beim Kraftwerk queren- doch dort haben sich wertvolle Orchideenkolonien gebildet, die wir keinesfalls zerstören wollten“, so David Oberlerchner. Auch sollte keine Schneise quer durch den Auwald gepflügt werden. So kam ein hübsch anzusehender, geschlängelter Verlauf von 4 Kilometern zu Stande. „Den Fisch wird’s freuen, wenn er sich in kleinen Buchten und Kurven verstecken kann“, so David Oberlerchner verständnisvoll. Obendrein wurden „Raubäume“ gezielt in den Verlauf der Fischwanderhilfe verankert. Sie simulieren eine alte Aulandschaft mit Totholz. Rückzugsraum für Jungfische ebenso wie Jagdplatz für den Eisvogel.
 
Totholz in der Fischwanderhilfe Greifenstein

Sommerpause im August

Im Sommer 2017 ist Halbzeit beim Bau. Über den August ruhen die Arbeiten noch, dann werden die Bagger sich weiter von oben nach unten arbeiten. Der „Ausstieg“, also die Mündung der Fischwanderhilfe, ist bereits fertiggestellt. Zwei kleine Sperren regulieren hier den Wasserstand. Im Hochwasserfall senkt sich der Wasserspiegel im Nahbereich des Kraftwerks stark ab (dieses Paradoxon erklären wir Euch besser in einem Video). Damit die Fischwanderhilfe auch in so einem Ausnahmefall nicht trocken fällt, gibt es eine „Notdotation“, also ein Rohrsystem zur Bewässerung.
Am unteren Ende der Fischwanderhilfe sieht auch der ortsunkundige Laie sofort das Problem: Beim Kraftwerk Greifenstein besteht ein Höhenunterschied von 10 Metern. Das nutzen die Turbinen zur Stromerzeugung, für den Fisch ist es eine unüberwindliche Kante. Die ersten Grabungen veranschaulichen diese 10 Meter. Kurven und Kehren braucht es dazu und natürlich kleine Becken, in denen die Fische verschnaufen können auf ihrem langen Weg rund ums Kraftwerk.
Schottergrube bei der Fischwanderhilfe Greifenstein
Damit sind wir auch schon bei der Lieblingsfrage an Projektleiter Oberlerchner: Warum wurde nicht der bestehende Gießgang in Greifenstein modifiziert, um als Fischwanderhilfe tauglich zu sein? Der Gießgang liegt noch tiefer als der Kraftwerksdamm, damit wäre noch mehr Höhe zwischen Donau und Fischwanderhilfe zu überwinden. Darüber hinaus müsste zuerst umfassend untersucht werden, ob und wie sich ein mehr an Wasser im Gießgang auf das Grundwasser auswirken würde, ein vor allem im Tullnerfeld hochsensibles Thema. „Um Gewissheit zu schaffen, wären hier jahrelange Untersuchungen nötig. So lange können die Fische nicht warten“, erklärt Oberlerchner den pragmatischen Zugang zur Problemlösung.
Radweg-Brücke bei der Baustelle der Fischwanderhilfe Greifenstein

330.000 Kubikmeter Schotter werden insgesamt aus der Au gebaggert. Je näher sie verwendet werden können, umso umweltschonender der Transport. Mit dem Material werden Wildrettungshügel (für Hochwässer in der Au) gebaut und, wenn möglich, Baustellen in der Nachbarschaft versorgt. Daher gibt es beim Projekt keine unnötige Hast. „Wir machen das Kraftwerk ökologisch fit für die nächsten 30 Jahre und hoffen, dass auch der neue Lebensraum von den Fischen geschätzt wird.“ Die so geförderte Artenvielfalt wird auf jeden Fall auch der Donau nutzen, ist Projektleiter Oberlerchner überzeugt. „Wir hoffen, dass uns künftige Generationen unsere Leistungen ebenso anerkennen wie wir die der Kraftwerksbauer in Greifenstein, die mit dem Gießgang die umweltfreundliche Hürde hoch gelegt haben.“

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