Zur Übersicht
24. Oktober 2018

Wie nachhaltig ist die Digitalisierung?

Von Carsharing bis zum smarten Energiesystem: Die Digitalisierung ermöglicht viele neue Geschäftsmodelle. Doch warum ist digital nicht automatisch nachhaltig? Diese Frage diskutierten die Teilnehmer der VERBUND-Session beim CSR-Tag 2018.

Klein, leicht und perfekt für jede Hosentasche – auf den ersten Blick scheint ein Smartphone nicht viele Ressourcen zu verbrauchen. Doch betrachten wir die Zahlen genauer: Allein in den ersten zehn Jahren seit Einführung des iPhones 2007 gingen weltweit rund 7 Milliarden Smartphones über den Ladentisch. Dafür wurden 38.000 Tonnen Kobalt, 107.000 Tonnen Kupfer, 157.000 Tonnen Aluminum und tausende Tonnen weiterer Materialen verbaut. Gewaltige Mengen, die zeigen: Nur weil ein Geschäftsmodell digital ist, ist es nicht ohne Bedenken für Mensch und Umwelt.
In Kleingruppen wurde eifrig diskutiert.
Nachhaltige Geschäftsmodelle im Fokus: In Kleingruppen wurde unter Anleitung von Professor Roman Mesicek eifrig diskutiert. © Gebrüder Pixel / www.gebruederpixel.at

Think Sustainable – Act Digital: CSR-Tag lud zum Nachdenken ein

Diese Tatsache stand auch im Fokus des diesjährigen CSR(Corporate Social Responsibility)-Tags von respAct. Die führende heimische Unternehmensplattform für verantwortungsvolles Wirtschaften lud am 10. Oktober 2018 unter dem Motto „Think Sustainable – Act Digital: Digitalisierung für eine lebenswerte Zukunft“ zum Austausch und Vernetzen ein. VERBUND sponserte die Nachmittagssession, die sich mit einer spannenden Frage auseinandersetze: Welche Kriterien muss ein digitales Geschäftsmodell erfüllen, damit es auch nachhaltig ist?

„Aus Sicht der Nachhaltigkeit bringt die Digitalisierung viele Herausforderungen“, schildert Roman Mesicek, Leiter des Studiengangs Umwelt- und Nachhaltigkeitsmanagement an der Fachhochschule Krems und Leiter des Workshops. So sei es einerseits erfreulich, dass wir heute weniger Papier verbrauchen. Andererseits gebe es aber noch kaum aussagekräftige Zahlen zur Energiebilanz der stattdessen notwendig gewordenen Serverfarmen. „Zudem schenken wir den sozialen Auswirkungen technischer Innovationen zu wenig Beachtung“, sagt der Professor. Ein Beispiel sei das autonome Fahren. Es gebe bereits zahlreiche Teststrecken für den fahrerlosen Verkehr. Wie dieser aber das Leben in unserer Gesellschaft verändern wird? „Dazu existiert kaum Begleitforschung“, meint Mesicek.

Professor Roman Mesicek im regen Austausch mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des CSR-Tags 2018.
Bewusstsein für mehr Nachhaltigkeit schaffen: Professor Roman Mesicek im regen Austausch mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des CSR-Tags 2018. © Gebrüder Pixel / www.gebruederpixel.at

Ein nachhaltiges Geschäftsmodell braucht viele Meinungen

Einen Schlüssel für die Entwicklung nachhaltiger Geschäftsmodelle sieht Mesicek im Austausch. „Unternehmen sollten alle relevanten Stakeholder möglichst früh in den Entwicklungsprozess einbinden – von Kunden bis NGOs“, erklärt er. „So lassen sich nicht nur CSR-Faktoren besser einbeziehen, das Geschäftsmodell wird auch besser für den Markt vorbereitet.“ Zudem gelte es, das Out-of-the-Box-Denken zu fördern. Etwa mit kreativen Methoden à la Design Thinking, wie es auch beim Workshop am CSR-Tag angewandt wurde. 

Damit die Digitalisierung aber wirklich ihre volle nachhaltige Wirkung entfalten kann, braucht es vor allem eines: erneuerbare Energie. „Sonst sind die Chancen gleich Null“, ist Mesicek überzeugt. „Für jedes Bit benötigen wir Strom. Und wenn der aus einem Kohlekraftwerk kommt, ist auch eine E-Mail nicht nachhaltig verschickt.“ 

Teilnehmerinnen und Teilnehmer arbeiteten in Gruppen.
Warum digital nicht immer nachhaltig ist: Eine Aufgabe der Teilnehmerinnen und Teilnehmer war es, in Gruppen ein eigenes Geschäftsmodell zu entwickeln. © Gebrüder Pixel / www.gebruederpixel.at

Digitales VERBUND-Wasserkraftwerk nimmt Fahrt auf

Unternehmen wie VERBUND kommt daher eine hohe Verantwortung für die Zukunft zu. Um den Ausbau erneuerbarer Energie voranzutreiben, nutzt Österreichs größter Stromerzeuger die Digitalisierung. Zum einen für sein Kerngeschäft: Aktuell arbeitet VERBUND am ersten digitalen Wasserkraftwerk Europas. Beim Murkraftwerk Rabenstein in der Steiermark testet ein Projektteam über fünf Jahre digitale Technologien, um Betrieb und Instandhaltung sicherer und effizienter zu machen. Die Schwerpunkte reichen von smarten Sensoren über Datenanalytik bis zu 3D-Visualisierung. Aktuell sind erste Testsysteme am Start.

„Darüber hinaus gehen wir an das Thema Digitalisierung strategisch heran, um selbst neue Geschäftsmodelle zu entwickeln“, erzählt VERBUND Experte für Strategie Clemens Theuermann-Bernhardt. „2017 haben wir zum Beispiel ein Digital Center of Excellence aufgebaut. Eine Abteilung, die unternehmensweit ihre IT-Expertise zur Verfügung stellt.“ Welche neuen Geschäftsmodelle VERBUND bereits auf den Markt gebracht hat? Zum Beispiel SMATRICS – ein Joint Venture mit Siemens und OMV. Mit dem smarten Mobilitätsdienstleister stellt das Unternehmen ein flächendeckendes Ladenetz mit mehr als 450 Ladepunkten für Elektroautos parat. 

Nachhaltigkeitsexperte Markus Urban-Hübler von VERBUND nutzte die Chance, sich mit anderen CSR-Profis auszutauschen.
Raum für Vernetzung: Auch Nachhaltigkeitsexperte Markus Urban-Hübler von VERBUND nutzte die Chance, sich mit anderen CSR-Profis auszutauschen. © Gebrüder Pixel / www.gebruederpixel.at

Grüner Wasserstoff und Blockchain in den Startlöchern

„Zudem gehen wir bei Zukunftstechnologien neue Wege“, so Theuermann-Bernhardt. Zum Beispiel bei grünem Wasserstoff. Der saubere Energieträger liefert rund dreimal so viel Energie wie Erdgas. Um sein Potenzial in der Stahlindustrie zu erforschen, hat VERBUND das europäische Leuchtturmprojekt H2FUTURE initiiert. Das Ziel ist, Kohle und Koks durch grünen Wasserstoff zu ersetzen und Industrieprozesse künftig CO2-frei zu machen. 

Ein weiteres heißes Eisen ist die Blockchain, ein digitales, fälschungssicheres Kassenbuch. In Salzburg evaluiert VERBUND aktuell mit Partnern – Salzburg AG, Fachhochschule Salzburg und dem Start-up Grid Singularity –, wie sich die Blockchain bei der Verteilung von Photovoltaikstrom in Mehrparteienhäusern einsetzen lässt. Mittels einer App steuern die Bewohner ihre Anteile am Sonnenstrom auf Basis ihrer Verbrauchserwartung.

respACT-Mitarbeiter Fridjof Sobanski verabschiedete die Teilnehmerinnen und Teilnehmer.
Helden von Morgen: Beim gemeinsamen Ausklang verabschiedete respACT-Mitarbeiter Fridtjof Sobanski die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in die Energiezukunft. © Gebrüder Pixel / www.gebruederpixel.at

Nehmen wir Kurs auf die smarte grüne Welt?

Die Aussichten in der Energiebranche sind somit vielversprechend. Steuern wir auch insgesamt auf eine smarte grüne Welt zu? „Zumindest auf eine smarte“, meint Professor Mesicek vorsichtig. Denn die Diskussion über die möglichen Umweltauswirkungen der Digitalisierung führen wir erst kurz. Aktionen wie der CSR-Tag von respAct tragen dazu bei, diese Debatte anzuregen. „Ich hoffe, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer viel mitgenommen haben“, so Mesicek, „und dass sie das eine oder andere in ihrem Unternehmen einbringen werden.“

Ihr wollt mehr über digitale Geschäftsmodelle und gesellschaftliche Verantwortung erfahren? Dann legen wir euch dies Podcast von Roman Mesicek und Annemarie Harant ans Herz: Tonspur N.

Übrigens: Jetzt flow-Blog abonnieren und keinen Beitrag mehr verpassen! 

Literaturquelle: Smarte grüne Welt (Steffen Lange, Tilman Santarius)