Laufkraftwerk Lebring

Das VERBUND-Kraftwerk Lebring ist ein Laufkraftwerk an der Mur und nördlich der Gemeinde Lebring in der Steiermark gelegen.

Technische Beschreibung 

Das Laufkraftwerk wurde von 1985 bis 1988 erbaut und beinhaltet zwei doppelt regulierbare, nahezu horizontal eingebaute Rohrturbinen mit 5 Grad Neigungswinkel. Sie weisen mit einem Laufraddurchmesser von je 3,85 m eine Engpassleistung von 20.200 kW auf und erzeugen damit im jährlichen Durchschnitt rund 86 GWh Strom. Und auch eine Fischaufstiegshilfe ist aktuell in Planung.

Auf einen Blick:

Eigentümer: VERBUND Hydro Power GmbH
Betreiber: VERBUND Hydro Power GmbH
Inbetriebnahme: 1988
Typ:  Laufkraftwerk
Region: Österreich, Steiermark
Gewässer: Mur
Leistung: 20,2 MW
Jahreserzeugung: 86.049 MWh
Turbinen: Kaplan (2)
Fischwanderhilfen: in Bau

Weitere Informationen

Der Grazer Industrielle David J. Feuerlöscher fasste 1901 den Entschluss, bei Lebring an einer Kataraktstelle der Mur ein Kraftwerk bauen zu lassen. Nach der Gründung der AG Elektrizitätswerk Lebring wurde in relativ kurzer Bauzeit von zwei Jahren die "erste elektrische Zentrale" am rechten Murufer als Ausleitungskraftwerk mit offenem Einlauf errichtet. Finanzielle Hilfe sowie Unterstützung bei der technischen Ausführung erhielt Feuerlöscher von der Vereinigten Elektrizitäts-AG mit Sitz in Wien.

Bereits 1902 gingen die vier Maschinensätze mit Francis-Zwillingsturbinen, geliefert von der Grazer Maschinenfabrik Andritz, mit je 0,45 MW in Betrieb. Die erzeugte Energie wurde über eine 20 kV-Freileitung nach Graz/Steinfeld abgeleitet - die erstmalige Verwendung dieser Spannungsebene zur Fernübertragung in der Donaumonarchie. Am 1. September 1903 wurden die Arbeiten abgeschlossen und die Anlage offiziell in Betrieb genommen. 1910 wurde mit der wirtschaftlichen und organisatorischen Zusammenlegung von Lebring mit dem 1908 fertig gestellten Murkraftwerk Deutschfeistritz die "Steiermärkische Elektrizitäts-AG" (STEG) gegründet.

Im gleichen Jahr erfolgte die Ergänzung der Anlage um eine Wehranlage mit beweglichen Schleusentoren durch die Baufirma Albert Buss & Cie., da der zuvor offene Einlauf ständig Verlandungsprobleme durch Geschiebeeintritt verursachte. Der gestiegene Strombedarf machten 1924-26 eine Erhöhung des Stauziels sowie eine Erneuerung von zwei Francis-Turbinen durch die Firma Ateliers de Charmilles aus Genf notwendig, deren Schaufelzahl von vier auf zwei reduziert wurde. 1958 wandten sich die Betreiber des Werks an Prof. Hermann Grengg von der Technischen Hochschule Graz, um Möglichkeiten eines Aus- oder Neubaues des Werks zu erörtern. Grengg empfahl bereits damals die Sprengung der alten Wehranlage und den Neubau eines Flusskraftwerks. In den darauf folgenden Jahren wurden weitere Alternativen getestet, jedoch keine Realisiert.

Im April 1975 lieferte die Firma SUISELECTRA aus Basel einen Entwurf für einen Ausbau des historischen Werks, bei dem Wehranlage, Ausleitungskanal und Krafthaus erhalten werden konnten. Geplant war die Ergänzung der vier bestehenden Maschinensätze durch eine Rohrturbine mit 5 MW Leistung, die in den neben dem Krafthaus befindlichen Leerlauf eingebaut werden sollte. Bei Bedarf war der spätere Tausch von zwei bestehenden Maschinensätzen gegen eine weitere Rohrturbine geplant. Zusammen mit dem Umbau war auch eine Erhöhung des Stauziels um 120 cm und nahezu eine Verdoppelung der Durchflussmenge vorgesehen. Anfang November 1983 erlosch nach 80 Jahren die Konzession für das alte Lebring-Werk, wodurch eine Entscheidung für einen Neu- oder Umbau getroffen werden musste.

Die STEG reichte im Herbst 1984 ein Baueingabeprojekt für einen kompletten Neubau als Flusskraftwerk mit zwei Maschinensätzen ein, im Dezember wurde die Baubewilligung erteilt. Mit der Durchführung des Projekts wurde die SUISELECTRA betraut. Die Arbeiten begannen im Oktober 1985 an der Baugrube des Hauptbauwerks, die sich etwa 150 m oberhalb des historischen Werks befand, mit der Errichtung einer provisorischen Baubrücke über dem Ausleitungskanal des alten Werks. Oberste Auflage des Neubaus war, dass das alte Werk bis zur Inbetriebnahme des neuen in Funktion bleiben musste, um während des Baues nicht auf die Stromerzeugung in Lebring verzichten zu müssen.

Die Mur wurde östlich in das Augebiet umgeleitet, wo umfangreiche Dichtungsarbeiten in den Umschliessungsdämmen der bis zu 18 m unter dem Wasserspiegel liegenden Baugrube vorgenommen wurden. Im April 1986 begann man mit dem Einbringen von insgesamt 43.000 m³ Beton, für dessen Verbau etwa 40.000 m² Schalungen notwendig waren. Die 3,6 km lange Oberwasserstrecke wurde beidseitig mit bis zu 10 m hohen Dämmen gesichert, die 1,8 km lange Unterwasserstrecke bis zu 2,5 m eingetieft. Da die Fertigstellung der technischen Einrichtung im Winter 1987/88 unmittelbar bevorstand, entschied man im September 1987, die historische Anlage stillzulegen und mit dem Umbau des Krafthauses in die 20 kV-Innenraum-Schaltanlage für das neue Werk zu beginnen.

Die Arbeiten fanden unter großem Zeitdruck statt und konnten drei Monate später zusammen mit der Inbetriebnahme der ersten Rohrturbine abgeschlossen werden. Gleichzeitig sprengte man die alte Wehranlage am Einlauf des Kanals und brach die nicht mehr notwendigen technischen Außenanlagen ab. Im Jänner 1988 wurde der zweite Maschinensatz fertiggestellt und im Juli konnten mit der feierlichen Inbetriebnahme die Bauarbeiten abgeschlossen werden. 1992 ging das Kraftwerk Lebring zusammen mit den anderen Kraftwerken der STEG durch Übernahme in das Eigentum von VERBUND über.

HISTORISCHES WERK: Bauherr: David J. Feuerlöscher. Ausführung: Baufirma Vargason, Wien, Albert Buss & Cie., Graz.

NEUBAU: Architektur: Hermann Pichler, Graz. Projektierung: E. Neuhold und Norbert Raaber, TU Graz.

Planung und Bauleitung: SUISELECTRA Ingenieurunternehmung AG, Basel. Geländeaufnahmen: A. Legat, Leibnitz.

Sondierungsbohrungen: Tiefbohr GesmbH., Graz. Baukoordination: Uniconsult Bauplanungs- u. BeratungsgesmbH., Wien.

Ausführung: Arge KW Lebring (Negrelli, PORR.Steiermark).

UMBAU HISTORISCHES KRAFTHAUS 1987: Planung: R. Steiner, Planungs- u. Bauabteilung der STEG.

Ausführung: ARGE KW Lebring.

Das Murkraftwerk Lebring befindet sich nördlich der gleichnamigen Gemeinde. Die Zufahrt erfolgt vom Westufer aus über eine Abzweigung von der Bundesstraße B67. Die Anlage besteht aus dem 110 m breiten Neubau von 1987, der sich aus Krafthaus mit Unterwasserplattform und einer dreifeldrigen Wehranlage zusammensetzt, sowie etwa 150 m südlich davon dem historischen Krafthaus von 1903, das heute eine 20 kV-Innenraum-Schaltanlage und einen Schauraum mit einem Maschinensatz von 1926 beherbergt.


Krafthaus/Betriebsgebäude:

Die Unterwasser-Ansicht des neuen Lebring-Werks wird von Stahlbeton-Bogenelementen im Bereich der Wehranlage und über den Turbinenausläufen dominiert, die sich optisch an die historische Wehranlage des alten Lebring-Werks anlehnen. Sechs gleich große Achsen gliedern die Krafthaus-Fassade, getrennt durch Wandscheiben, die sich mit ihren angeschrägten Unterwasser-Seiten an den Wehrpfeilern orientieren. Durch die Aufstellung der Transformatoren in einem eigenen Bauwerk anstelle der üblichen Aufstellung an der Unterwasser-Seite konnte die Krafthaus-Fassade freier gestaltet werden. Architekt Pichler plante vorfabrizierte Blumentröge aus Beton in den Achsen, die eine bessere Eingliederung in die umgebende Landschaft ermöglichen sollten. Trotz automatischer Bewässerung ist heute eine üppigen Vegetation kombiniert mit einem "Verwachsen des Krafthauses" nicht eingetreten. Der Zugang zum Bauwerk erfolgt rechtsufrig von der Unterwasser-Seite aus. Die Maschinenhalle nimmt die gesamte Länge des Bauwerks ein, die Nebenräume und Vertikalerschließungen befinden sich nördlich und südlich davon. Besonderes Augenmerk legten die Planer auch auf das Farbkonzept im Inneren. Burgundrot wurde für die Maschinenteile, die Komplementärfarbe jadegrün für die elektrischen Schaltschränke vorgesehen. Die Farben der Türen varriieren je nach Geschoß von hellrot auf Maschinenhallenniveau bis zu hellorange im untersten Niveau. Auf der wehrseitigen Stirnwand der Maschinenhalle finden sich die gleichen Farbabstufungen wie bei den Türen in einer schematisierten Darstellung von durch ein Tosbecken fließendem Wasser wieder. Die Belichtung der Halle erfolgt über Obergaden-Fenster an beiden Längsseiten, die über den Kranbahnen liegen. Die beiden Längswände sind auf Maschinenhallenniveau durch Pfeiler aufgelöst, oberwasserseitig befindet sich hinter den Pfeilern eine erhöhte Galerie für die Schaltschränke. Werkstätten, Magazine, Lager, Personal- und Betriebsräume befinden sich unterwasserseitig parallel zur Maschinenhalle.

Wehranlage:
Die dreifeldrige Wehranlage am linken Murufer wurde gestalterisch an die historische Wehranlage am Einlauf des ehemaligen Ausleitungskanals angelehnt. Höhenversetzte Unterwasser- und Oberwasserbrücken mit Segmentbögen sowie die angeschrägten, im Grundriss abgerundeten Pfeiler übernehmen die klassischen Motive, die heute noch bei der Wehranlage Adriach des Murkraftwerks Peggau-Deutschfeistritz zu finden sind. Jedes Wehrfeld weist 15,5 m lichte Weite und eine Verschlusshöhe von 9,3 m auf. Auf den Wehrpfeilern stehen ober- und unterwasserseitig geschwungene Doppel-Kugelleuchten, ebenso am Krafthausdach.

Historisches Krafthaus:
Bereits bei den Vorplanungen kam ein Abbruch für das das Ortsbild von Lebring prägende historische Krafthaus nicht in Frage. Der etwa 150 m unterwasserseitig am rechten Murufer stehende Bau beherbergt heute die 20 kV-Innenraum-Schaltanlage des neuen Kraftwerks und einen Schauraum, in dem noch ein originaler Maschinensatz mit Turbine, Generator und Regler zu sehen ist. Um das Gebäude wurden zu Schauzwecken die ehemalige Rechenreinigungsmaschine, zwei Einlaufschütze, eine alte Transformatoren-Hülle sowie zwei durch eine Achse verbundene Francis-Turbinen aufgestellt. Die Räumlichkeiten der ehemaligen Kraftwerksverwaltung im Eckturm sind heute ohne Funktion.

Das Hauptbauwerk ist auf massiven Fels gegründet, welcher profilgerecht ausgehoben werden konnte. Es wurde als massives Stahlbetonbauwerk (B225-Beton) mit Trennfugen zwischen Maschinenhaus, Transformatorengebäude und Wehr errichtet. Für die stärker beanspruchten Teile wurde B300 verwendet. Die Wände sind in der Maschinenhalle und im Turbinenboden als Sichtbetonoberflächen belassen, in den übrigen Räumen wurden sie gestrichen.

Für die Innengeländer wurden geschweißte Stahlrohrkonstruktionen mit einem roten Korrosions-Schutzanstrich versehen, die Außengeländer und die Masten der Außenleuchten sind feuerverzinkt. Als Bodenbeläge finden sich im Maschinenhaus, in den Gängen und Treppen gelbe Kunstharz-Fließbeläge und Kunstharz-Mörtelbeläge, in der Werkstätte wurden sie grau ausgeführt. Rostgeschützter Stahl wurde für die Türen, eloxierte Aluminiumrahmen mit doppelter Isolierverglasung bei den Fenstern verwendet.

Turbinen und Generatoren:

Die beiden doppelt regulierbaren, nahezu horizontal eingebauten Rohrturbinen (9° Neigung) wurden von Andritz Escher Wyss 1987 hergestellt und montiert. Sie weisen mit einem Laufraddurchmesser von je 3,85 m eine Maximalleistung von 20.200 kW bei einer durchschnittlichen Jahreserzeugung von 83,9 Mio. kWh auf. Die beiden Drehstrom-Synchrongeneratoren von Elin Union besitzen eine Nennleistung von 11.400 kVA.

Transformatoren:

 

Die Ableitung der Energie erfolgt über zwei neben der Kraftwerkszufahrt in Boxen aufgestellte 11.400 kVA-Blocktransformatoren von Elin Union, die die gewonnene Elektrizität von 5 kV auf 20 kV hochspannen. Von dort erfolgt die weitere Ableitung über einen unterirdischen Kabelkanal zu dem im alten Krafthaus untergebrachten Schalthaus der Steiermärkische Elektrizitäts-AG (STEG).

Wehranlage:

 

Drei 6,8 m hohe Segmentschütze mit aufgesetzter, 2,5 m hoher Klappe regulieren die Hochwasserabfuhr und wurden von Künz geliefert. Die Steuerung der je 15,5 m breiten Segmente erfolgt mittels zwei beidseitig angeordneter Zugzylinder, das Umlegen der Klappen durch je einen mittig angeordneten Druckzylinder.

Hubwerke:

 

Ein Hallenkran in der Maschinenhalle, Baujahr 1987, wurde von Künz hergestellt und verfügt über ein umschaltbares Hubwerk mit 40 bzw. 10 t Traglast. Auf der Oberwasserbrücke befindet sich ein Dammtafel-Setzkran mit 2 x 10 t Hublast, der ebenfalls von Künz geliefert wurde.

Rechenreinigung:

 

Den Putzwagen mit Putzharke zur Reinigung der Turbinen-Einlaufrechen montierte Künz 1987. Er ermöglicht eine maximale Hublast von 2 x 2,5 t und besitzt zusätzlich ein Dammbalken-Hubwerk mit 2 x 10 t Traglast.