Speicherkraftwerk Gerlos

Das VERBUND-Kraftwerk Gerlos ist ein Speicherkraftwerk und am südlichen Ende der Ortschaft Rohrberg im Zillertal in Tirol gelegen. Es wurde in mehreren Ausbaustufen zwischen 1939 bis 2007 gebaut.

Das Kraftwerk Gerlos liegt am südlichen Ende der Ortschaft Rohrberg im Zillertal am Steilhang des Rohrerberges und wird durch eine Zufahrt von Norden erschlossen.

Gerlos II

In der 2. Ausbaustufe wurde von 2004 bis 2007 die Anlage um das Krafthaus Gerlos II und einen neuen Maschinensatz mit einer Leistung von 135.000 kW erweitert. Die Engpassleistung des Kraftwerkes Gerlos wurde dadurch von 65.200 kW auf 200.200 kW erhöht.

Der nördlich an das Kraftwerk Gerlos anschließende Neubau für "Gerlos II" ist rechtwinklig zum Krafthaus Gerlos, an der Stelle der alten Werkseinfahrt, angeordnet. Das neue Krafthaus setzt sich aus drei quaderförmigen, mit Flachdächern gedeckten Baukörpern zusammen, deren westliche Stirnseiten an die Zufahrt zum alten Krafthaus angrenzen.

Sperre Gmünd

Das Abschlussbauwerk wurde von 1943 bis 1945 errichtet und als 37 m hohe Gewölbemauer ausgeführt. Felsrutschungen erforderten 1964 an der Luftseite der Sperre die Errichtung einer Betonplombe mit einer 16 m hohen aufgesetzten Stützmauer. Betonveränderungen an der ursprünglichen Gewölbemauer machten 1991/1993 eine neuerliche Sanierung erforderlich, dabei wurde die Stützmauer um 5 m erhöht sowie eine neue Schieberkammer und ein Tosbecken errichtet. Das Stauziel des Speichers Gmünd wurde gleichzeitig um 1 m auf nunmehr 1.191,25 m erhöht. Der Nutzinhalt beträgt nun 0,85 Mio. m3.

Auf einen Blick:

Eigentümer: VERBUND Hydro Power GmbH
Betreiber: VERBUND Hydro Power GmbH                                 
Inbetriebnahme: 1968
Typ:  Speicherkraftwerk
Region: Österreich, Tirol
Gewässer: Gerlosbach
Leistung: 25 MW
Jahreserzeugung: 26.954 MWh
Turbinen: Francis (1)
Fischwanderhilfen:                      nein

Detailinformationen zu Geschichte, Bau und Technik

Das Kraftwerk Gerlos wurde während des zweiten Weltkrieges errichtet und ist seit 1949 in Betrieb. Schon der damalige Rahmenausbauplan sah die Errichtung einer Oberstufe mit einem Jahresspeicher vor. Verwirklicht wurde diese Erweiterung aber erst von 1963 bis 1967. Von 1988 bis 1993 wurde als 1. Ausbaustufe die Triebwasserführung erneuert und von 1991 bis 1993 die Sperre Gmünd um 1 m erhöht. Bei der Errichtung des neuen Triebwasserweges wurde eine für später vorgesehene Leistungserhöhung des Kraftwerkes Gerlos berücksichtigt.
GERLOS I
Architektur: Hans Hoppenberger. Erstentwurf durch die Alpen-Elektrowerke AG.
Planung Tiroler Wasserkraftwerke AG (TIWAG), 
Ausführung: ARGE: Innerebner & Mayer, Firma Holzmann

Gerlos II
Architektur: Giner + Wucherer (Thomas Giner, Erich Wucherer)
Planung der Tauernkraftwerke AG und der VERBUND - Austrian Hydro Power AG, 
Ausführung: ARGE Bodner & Rieder (Ing. Hans Bodner Bau Gmbh & Co. KG aus Kufstein, Firma Rieder KG aus Ried im Zillertal)

Fundamente, Pfeiler und Decken sind in Stahlbeton-Konstruktionen ausgeführt. Das Stahlbetonskelett ist mit Ziegelmauern ausgefacht, die Oberflächen sind verputzt. Die Rundbögen an Krafthaus, Schalthaus und Verbindungsgang besitzen Natursteinumrahmungen. Der Bodenbelag des Krafthauses besteht aus Holzstöckelpflaster. Der Dachstuhl der Maschinenhalle ist als Holzkonstruktion ausgeführt, die darunter befindliche Betonrippendecke wurde im System "Remy" hergestellt. Die Verbindungsmauer zwischen Maschinenhalle und Schaltwarte, sowie diese selbst sind verputzte Ziegelbauten. 

In der Maschinenhalle befinden sich vier Maschinensätze mit vertikaler Welle und einer Nennleistung von insgesamt 65.000 kW. Sie bestehen aus je einer zweidüsigen Pelton-Turbine von J. M. Voith aus dem Jahr 1943 und einem direkt gekoppelten Drehstrom-Synchron-Generator von Brown-Boveri aus dem Jahr 1944, sowie einem hydraulisch zu betätigenden Kugelschieber und einem Drehzahlregler mit mechanischem Steuerwerk. Die Notstrom-Versorgung erfolgt durch einen Eigenbedarfs-Maschinensatz, der automatisch anläuft und aus einer eindüsigen Pelton-Turbine von J. M. Voith aus dem Jahr 1941 und einem Drehstrom-Generator von Brown-Boveri aus dem Jahr 1942 besteht. Ein Hallenkran der Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg AG (MAN) ist für 60 t Tragkraft ausgerichtet. Der Kran besitzt eine Hilfskatze für 10 t und einen Elektrozug für 2 t.

Das automatisierte Kraftwerk wird von der Zentralwarte Zillertal in Mayrhofen überwacht und gesteuert.

Der erzeugte Strom wird unterirdisch direkt in das benachbarte Umspannwerk Zell am Ziller eingespeist. Der Strom aus der 25 kV-Anlage dient unter anderem zur Deckung des Eigenbedarfs. Von der 110 kV-Freiluftanlage führt ein Freileitungszweig nach Kaprun.

Die Anlage besteht aus dem Krafthaus mit anschließendem Unterwasserbecken, dem Schalthaus mit vorgelagerter Freiluft-Schaltanlage für 110 kV und Nebentrakten für Werkstätten, Schaltanlagen und Garagen. An die Freiluft-Schaltanlage des Kraftwerks schließt im Süden das Umspannwerk Zell am Ziller an. Gegen Norden ist der Neubau des Kraftwerks "Gerlos II" situiert.
 
Die Gebäude sind über rechteckigem Grundriss errichtet und werden von Walmdächern und glatten Außenflächen charakterisiert. Die annähernd in Nord-Süd-Richtung parallel angeordneten Baukörper von Krafthaus und Schalthaus werden untereinander durch einen Torbogen mit darüber führendem Gang verbunden. Die Einfahrt zur Maschinenhalle liegt an der Westseite und ist als rundbogiges Tor gestaltet. Die etwa 44 m lange, 12 m breite und 13 m hohe Halle erhält ihr Licht durch vier schmale, hochrechteckige, durch Sprossen geteilte Fensterfelder, die in der Achse der vier Hauptmaschinensätze platziert sind. Sie werden von je zwei kleinen, hochrechteckigen Lüftungsfeldern begleitet.
 
Oberhalb der Kranbahn sind kleine, quadratische Fensteröffnungen angeordnet. Im Raum der Maschinenhalle dominieren die Zylinderumhausungen der Generatoren, deren Spitzen nahezu bis zur Kranbahn reichen. Diese ruht auf den Konsolen der Stahlbetonpfeiler und bildet ihrerseits das Auflager für die Binder der Rippendecke. An der Decke sind in zwei Reihen längsrechteckige Beleuchtungskörper angeordnet.
 
Der Längsseite der Maschinenhalle ist gegen den Vorplatz ein ebenerdiges Gebäude vorgelagert, das eine 10 kV-Schaltanlage enthält. Südlich an das Krafthaus anschließend befinden sich Trakte mit Garagen und einer 25 kV-Schaltanlage. Der Verbindungsgang und das Schalthaus werden durch klein dimensionierte Fenster belichtet; der Eingang zum Schalthaus ist als Rundbogentor ausgeführt. Im Erdgeschoß sind Büroräume und zwei Zellen mit Transformatoren untergebracht. Im Obergeschoß befindet sich die Schaltwarte, von der aus die 110 kV-Anlage und die 25 kV-Anlage bedient werden können. Ein Balkon gegen Süden ermöglichte dem Schaltwart die visuelle Kontrolle der Freiluft-Schaltanlage. In einer späteren Bauphase wurde an das Schalthaus im Westen ein zweigeschoßiger Trakt angebaut.
 
Neben dem Werkstättengebäude führt an der Bergseite eine Seilbahn zum Wasserschloss Hochried.
 
Abtransport von Triebwasser
Nach der Abarbeitung wird das Wasser über einen betonierten Unterwasserkanal dem Gerlosbach zugeführt.

Gerlos II
Der Bau ist auf einer Fläche von etwa 36,5/43 m errichtet und insgesamt mehr als 32 m hoch. Die Höhe des mittleren Quaders, der die Maschinenhalle beherbergt, beträgt oberhalb der Unterwasser-Plattform etwa 23 m. Er überragt die beiden Seitentrakte und ist mit anthrazitfarbenen Betonplatten verkleidet. Über zwei schmalen, querrechteckigen Fensterfeldern ist im linken, unteren Bereich der westlichen Stirnwand eine große, quadratische und durch Sprossen unterteilte Fensteröffnung angeordnet, die den hohen Luftraum über dem Vorplatz zur Maschinenhalle belichtet. Gleichzeitig ist sie auf die Achse des Maschinensatzes und auf die Öffnung des Turbinenauslaufes zum Unterwasserbecken ausgerichtet. Die niedrigeren Seitentrakte sind mit einem grauen Vollwärmeschutz verkleidet, auf dem Rankgitter montiert wurden. Eine schmale, hochrechteckige Öffnung, die vom Eingangsniveau bis in das Obergeschoß reicht, gliedert die Stirnfassade des nördlichen Seitentraktes, während jene des südlichen Seitentraktes vor dem Umspanner-Raum eine quadratische Öffnung aufweist. An den Längsseiten der Trakte sorgen querrechteckige Fensteröffnungen für die Belichtung des Inneren. Die für Efeu und wilden Wein vorgesehenen Berankungsgitter sind teilweise über die Fensteröffnungen hinweggeführt.
 
Auf einer Rampe erfolgt von Norden die Zufahrt zum neuen Krafthaus. Vom Einfahrtstor gelangt man zum Vorplatz der Maschinenhalle, über dem sich ein hoher Luftraum befindet. Über ein zweiflügeliges Tor ist der Umspanner-Raum im südlichen Seitentrakt erreichbar. In den Räumen der Tiefgeschoße, des Erdgeschoßes und des ersten Obergeschoßes sind die Kugelschieber, der Maschinensatz und technische Nebenräume untergebracht. Der über die Seitentrakte hinausragende Teil wird von der etwa 30 m langen, 13,50 m breiten und 8,30 m hohen Maschinenhalle eingenommen. Die als Konsole in den Raum vorkragende Kranbahn verläuft unterhalb der querrechteckigen Fenstern an beiden Längsseiten, an der östlichen Stirnseite ist ein weiteres querrechteckiges Fensterfeld situiert. Zwischen den Sichtbeton-Stegen der Deckenuntersicht sind die Akustikplatten weiß beschichtet, die Wände der Maschinenhalle sind in betongrau gehalten, der Boden mit schwarz-weiß gesprenkeltem Belag versehen. Die beiden Seitentrakte enthalten jeweils ein zweiarmiges Stiegenhaus, den Leitstand, Lüftungsräume und weitere technische Einrichtungen. Sämtliche Architektur-Oberflächen und die Teile der technischen Ausstattung sind nach einem Farbkonzept der Architekten gestaltet. 
 
Südlich des neuen Krafthauses schließt das ebenerdige, mit einem Satteldach gedeckte Gebäude der Maschinenwerkstätte an. Es wurde an Stelle des alten Werkstättengebäudes errichtet und bildet die Verbindung zwischen Neu- und Altbau. Seine glatten Außenflächen sind verputzt, gelb beschichtet und nach Westen mit hochrechteckigen Fensteröffnungen sowie zwei Toren geöffnet.
 Zwischen neuem Krafthaus, altem Krafthaus und Schalthaus wird ein rechteckiger, gegen Nordwesten orientierter Platz gebildet, an den das neue Unterwasserbecken anschließt.

Das Krafthaus "Gerlos II" enthält eine vertikal eingebaute Pelton-Turbine der VOEST-ALPINE Tech Hydro Andritz mit einer Nennleistung von 135 MW und einen Drehstrom-Synchrongenerator von VOEST-ALPINE Tech Hydro Elin mit einer Nennleistung von 165.000 kVA. Der Transformator wurde ebenfalls von VOEST-ALPINE Tech Hydro Elin erzeugt. Der Kran der Firma "adlatus" ist für eine Traglast von 2 x 100 t konzipiert.

Der im Kraftwerk erzeugte Strom wird unterirdisch in das benachbarte Umspannwerk Zell am Ziller geleitet.

Triebwasserzufuhr
 Das Triebwasser aus dem Speicher Gmünd wird über eine etwa 90 m lange Druckrohrleitung, die an den bestehenden Triebwasserweg angeschlossen ist, zum Krafthaus geführt.
 
Abtransport von Triebwasser
Nach Abarbeitung fließt das Wasser in das Unterwasserbecken mit einem Nutzinhalt von etwa 25.000 m³ und einem Stauziel von 574 m Seehöhe. Vor der Einmündung des Unterwasserbeckens in den Gerlosbach befindet sich ein Entlastungsbecken, das den Abflussschwall regelt.
 

Mit seinen geschlossenen Wandflächen, die von kleinen Fensteröffnungen durchbrochen werden, den Walmdächern und Rundbögen erinnert die Formensprache des Kraftwerks Gerlos an Festungsbauten und ordnet sich so in die Tradition der Heimatschutzarchitektur ein, die zur Zeit des Nationalsozialismus eine besondere ideologische Interpretation erfuhr.

Die Baukörper des neuen Krafthauses Gerlos II sind als neutrale Hüllen gestaltet. Lediglich die Positionierung der großen Fensteröffnungen lässt die Dimensionen der Räume und die Lage der technischen Einrichtungen dahinter erahnen. Der durch die Anordnung der Baukörper entstehende Eindruck der Axialsymmetrie wird durch die Lage der Fensteröffnungen, die sich am "Raumplan" des Inneren orientieren, destabilisiert. Stattdessen entsteht ein labiles Gleichgewicht zwischen geschlossenen Wandflächen und Öffnungen. Die dunkelgraue Färbung der Fassadenplatten und der (geplante) Bewuchs mit Kletterpflanzen lassen die Volumen der Baukörper optisch zurücktreten.

Die Formen des Krafthauses von Gerlos II setzen sich in Kontrast zum benachbarten Bau des Gerlos-Kraftwerks aus der Zeit des "Dritten Reichs". Die Auswechselbarkeit der Hüllen bei der Planung des Krafthauses Gerlos II kann auch paradigmatisch für die Rolle der Architektur im Kraftwerksbau verstanden werden.

 

Querschnitte:

VERBUND-Speicherkraftwerk Gerlos Übersichtslängenschnitt
Kraftwerk Gerlos: Übersichtslängenschnitt
VERBUND-Speicherkraftwerk Gerlos Querschnitt Krafthaus
Kraftwerk Gerlos: Querschnitt Krafthaus
VERBUND-Speicherkraftwerk Gerlos Querschnitt Krafthaus ll
Kraftwerk Gerlos: Querschnitt Krafthaus Gerlos ll
VERBUND-Speicherkraftwerk Gerlos Querschnitt Sperre Gmünd
Kraftwerk Gerlos: Querschnitt Sperre Gmünd