Laufkraftwerk Thurnsdorf

Das Laufkraftwerk Thurnsdorf liegt südlich der Stadt Enns, an der Grenze von Ober- zu Niederösterreich.

Technische Beschreibung 

Das Kraftwerk St. Pantaleon wurde zwischen 1960 und 1965 erbaut. In den Jahren 1976/77 wurden die Maschinen automatisiert und die Fernsteuerung der gesamten Anlage nach Mühlrading verlegt. Zwei vertikal eingebaute Kaplan-Turbinen mit direkt gekuppelten Generatoren verschiedener Bauarten erzeugen jährlich rund 262 GWh Strom. Und auch eine Fischaufstiegshilfe ist derzeit in Planung.

Auf einen Blick:

Eigentümer: Ennskraftwerke AG
Betreiber: Ennskraftwerke AG
Inbetriebnahme: 1966
Typ:  Laufkraftwerk
Region: Österreich, Oberösterreich
Gewässer: Enns
Leistung: 52 MW
Jahreserzeugung: 261.600 MWh
Turbinen: Kaplan (3), Francis (1)
Fischwanderhilfen:                      ja

Detailinformationen zu Geschichte, Bau und Technik

Vorprojekte für den Enns-Bereich zwischen Steyr und der Mündung bei Mauthausen existieren seit dem Jahre 1910. Ein "Projekt Buchleitner" sah die Errichtung eines Ausleitungs-Kraftwerks mit einer Wehranlage knapp unterhalb von Steyr und dem Krafthaus bei Enns vor. Die Studiengesellschaft Spychinger und Hartmann adaptierte 1920 die Planungen und verlegte das Krafthaus in eine Enns-Biegung bei Mühlrading. Im selben Jahr legten die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) ein Konzept für eine Ausleitung bei Kronsdorf und einen rechtsufrig verlaufenden Kanal, der nach Abarbeitung des Triebwassers in einem Krafthaus nördlich von St. Valentin direkt in die Donau münden sollte. Schachermayer und Sing übernahmen den Entwurf von Spychinger und Hartmann. Sie leiteten jedoch den geänderten Kanalverlauf erst bei Staning mittels einer Wehranlage aus.

Das erste Mehrstufenkonzept für den Bereich "Untere Enns" lieferte 1939 die Oberösterreichische Kraftwerke AG (OKA) gemeinsam mit der Siemens-Schuckertwerke AG (SSW). In diesem waren neben den kurz darauf begonnen Flusskraftwerken Staning und Mühlrading auch noch eine Stufe Hiesendorf und eine Stufe Enns unterhalb der Stadt Enns geplant. Der Name "Kraftwerk St. Pantaleon" scheint erstmals in einer Planung der Eisenwerke Linz, die ebenfalls aus dem Jahre 1939 stammt, auf. Damals wurden als Alternative zum OKA-SSW-Projekt drei Flusskraftwerke bei Schafweidmühle, Hainbuch und Ernsthofen sowie als Unterlieger ein Ausleitungskraftwerk bei St. Pantaleon geplant.

In den Kriegsjahren wurde an der Enns im Bereich unterhalb von Steyr an zwei Kraftwerken gebaut - Staning und Mühlrading. Im Zuge der Einreichung dieser beiden Projekte wurde bereits die wasserrechtliche Bewilligung für eine dritte Kraftwerksanlage zwischen Mühlrading und der Enns-Mündung erteilt. Die Planungen sahen entlang der 14 km langen Mündungsstrecke noch zwei Flusskraftwerke vor. Da die Enns in diesem Bereich eine Ebene durchfließt und Flusskraftwerke hohe Dammbau-Massnahmen erforderten, entschied sich die Ennskraftwerke AG für das Konzept von 1949 mit Wehranlage, Oberwasserkanal, Krafthaus und Unterwasserkanal mit Ausleitung in die Donau. Der Baubeschluss für das Projekt Kraftwerk St. Pantaleon mit Wehranlage Thurnsdorf wurde Mitte 1962 gefällt; die Ausschreibung für die drei Baulose erfolgte bereits ab Februar 1962 gestaffelt. Im Sommer konnten die Hauptarbeiten vergeben werden, der offizielle Baubeginn fand schließlich am 1. Oktober 1962 statt. 

Für die Errichtung des Kraftwerks St. Pantaleon wurden 210 ha Grund beansprucht, davon sind 170 ha durch Anlageteile bebaut oder überstaut. Sechs kleine Objekte, zum Teil Baracken, mussten abgebrochen werden. Die Arbeiten am Krafthaus begannen während des Jahres 1962 mit der Umschließung der Baugrube durch Spundwände Modell Larssen III. Nachdem der Grube für die Krafthaus-Fundamente im Herbst 1962 ausgehoben war, begann man mit den Betonierarbeiten. Vorrangig war im Anschluss die Errichtung der Kranbahn, um mit der Maschinenmontage beginnen zu können.

Von Vorteil erwies sich hierbei die Wahl einer Stahlkonstruktion für das Krafthaus, die sowohl schneller als auch kostengünstiger errichtet werden konnte. Im November 1963 wurde die oberwasserseitige Hälfte der Baugrube geflutet, der unterwasserseitige Teil folgte erst ab 15. Oktober 1964. Der Montagebeginn der Turbinen wurde am 1. Mai 1964 verzeichnet, und im Dezember 1964 fand ein erster Einstau statt. Ein endgültiger Aufstau konnte Anfang Februar 1965 eingeleitet werden, da in diesem Monat auch der erste Maschinensatz seinen Betrieb aufnahm. Die Inbetriebnahme des zweiten Maschinensatzes folgte mit 4. April 1965. In den Jahren 1976/77 wurden die Maschinen automatisiert und die Fernsteuerung der gesamten Anlage nach Mühlrading verlegt. 1982 erfolgte eine neue Eindeckung des Krafthausdaches.

Werkskolonie
Gleichzeitig mit dem Bau des Kraftwerks wurde bis zum Sommer 1964 eine Werkskolonie in der unmittelbaren Nachbarschaft des Krafthauses errichtet. Durch die frühe Fertigstellung konnte das Werkspersonal bereits während der Montagezeit die 12 Wohneinheiten beziehen. Alle Teile der Siedlung wurden in den 1980er-Jahren verkauft.
 
Architektur: Hans Hoppenberger, Wien. Wolfgang Radler, Linz-Urfahr. Planung: Ennskraftwerke AG, Steyr. Bauplanung und Statik: Tauernkraftwerke AG, Salzburg. Bodenmechanik: Hubert Borowicka, Techn. Hochschule Wien. Geologie: Heinrich Häusler, Linz.Modellversuche: Hermann Grengg, Techn. Hochschule Graz und Anton Grzywienksy, Techn. Hochschule Wien. Entwurf Betriebssiedlung: Viktor Badl und Günther Gottwald, Graz und Wolfgang Radler, Linz.
Ausführung: Arge KW St. Pantaleon (Mayreder, Hamberger, Unionbauges.). Stahlhochbau: Herbert Tulipan, Salzburg. Stahlwasserbau: Waagner-Biró AG, Wien. Werkskolonie: Fischer & Co., Linz; Peters C., Linz, Schmid Helmut, Enns; Wenk Hans, Losenstein.
 
Das Kraftwerk St. Pantaleon ist als unterste Stufe der fast 100 km langen Ennskette zwischen der steirisch-oberösterreichischen Landesgrenze und der Mündung in die Donau die größte Anlage der Ennskraftwerke AG. Das Kraftwerk befindet sich östlich der Stadt Enns und umfasst die Wehranlage Thurnsdorf, den 6,765 km langen Oberwasserkanal, das Krafthaus St. Pantaleon und den Unterwasserkanal. Parallel dazu befindet sich östlich der Stadt Enns das Hilfskraftwerk Enns. Die Zufahrt zum Krafthaus erfolgt von der Ortschaft Pyburg bei Enns über eine Abzweigung von der B123A.

Krafthaus
Das 60 m lange und 54,6 m breite Krafthaus erhebt sich über rechteckigem Grundriss 42,6 m hoch über das Unterwasser-Gelände. Die Maschinenhalle ist als fragile Stahl-Fachwerkkonstruktion zwischen zwei flankierende, massive Seitenblöcke mit Sichtbeton-Oberflächen gestellt, in denen Warte, Archive und Betriebsräume untergebracht wurden. Diese Dreiteilung ist an der Unterwasser-Fassade deutlich ablesbar. Während der westliche Seitentrakt jeweils drei querrechteckige Fenster in drei Geschoßen aufweist, ist der östliche Seitenteil Richtung Unterwasser fensterlos ausgeführt.

Im Mittelteil wechseln sich schmale vertikale, die gesamte Gebäudehöhe einnehmende Fensterbänder und etwa halb so schmale graue Trapezblechstreifen ab. Um die Schaufassade nicht zu beeinträchtigen, befinden sich die Abspannungen für die Freileitungen der ÖBB und der Energie AG an den beiden seitlichen Stirnflächen, die durch die Böschung zum Oberwasserkanal eine dreieckige Form aufweisen. Die Sichtbeton-Oberflächen der Seitentrakte wurden abwechselnd vertikal und horizontal geschalt und besitzen durch die Abdrücke der Schalungsbretter eine gewisse Plastizität. Das gesamte Bauwerk weist ein leicht zum Unterwasser hin geneigtes Flachdach auf.

Im Inneren nimmt die Maschinenhalle an der Unterwasser-Seite die gesamte Gebäudehöhe und auch annähernd die -breite ein. Richtung Oberwasser schließen im Erdgeschoß die Transformatoren, im Obergeschoß die Schalthalle an. Die Vertikalerschließung erfolgt über Treppenhäuser in den Seitentrakten und an der Rückseite der Maschinenhalle. Diese nimmt im Osten die Dreiphasen- und im Westen die Einphasen-Drehstrommaschine (Bahnstrom) auf. Dazwischen befinden sich auf einer tieferen Ebene die Turbinenregler sowie die Zugänge zu den Turbinen. Den westlichen Abschluss der Halle bildet der Montageplatz, im Osten schließt die zur Halle verglaste Schaltwarte an.

Werkssiedlung
Neben dem Kraftwerk befindet sich eine aus 13 Häusern bestehende Werksiedlung, die Mitte der 1980er-Jahre verkauft wurde.
 
Während die beiden Seitentrakte des Krafthauses Massivbauten aus bewehrtem Ortbeton mit Sichtbeton-Oberflächen sind, wurde der Zwischentrakt mit der Maschinenhalle als Stahlskelettbau mit einer Stahl-Fachwerkkonstruktion als Unterbau für das Flachdach ausgeführt. Die Büro- und Personalräume sind teilweise verputzt, teilweise wurde lediglich der Sichtbeton weiß überstrichen. An vielen Stellen im Haus finden sich Trapezblech-Verkleidungen von Thyssen als Zweck- oder Gestaltungselemente; das Spektrum reicht von der Verkleidung von Deckenuntersichten, Torverkleidungen, Lichtkörpern der Maschinenhalle bis zur Einhausung des Aufzuges im Stiegenhaus. Als zusätzliche Schalldämmung der Maschinenhalle wurden zwischen den Beleuchtungskörpern und der Decke Matten aus Glaswolle befestigt.

Als Bodenbeläge dienen in der Maschinenhalle rote rechteckige Keramikfliesen, die bereichsweise unterschiedlich verlegt wurden. In den Betriebs- und Büroräumen befinden sich Linoleumbeläge, in den Kontrollgängen und im Kellerbereich wurde der Estrich belassen. Das Treppenhaus verfügt über Granitplattenbeläge, die Werkstätte über ein Holzstöckelpflaster.

Die Transformator-Tore an der Rückseite der Maschinenhalle bestehen aus Trapezprofilen, die an den Innenseiten aus Schallschutzgründen mit Styropor ausgekleidet wurden. Die Büro- und Personalräume weisen Holz-, die technischen Räumlichkeiten Stahltüren auf. Während zum Oberwasser hin nur niedrige grün-mattierte Stegglasfenster verwendet wurden, verwendete man für die Seitenfassaden 40/70 cm große Klarglasfenster mit Metallrahmen.
 
Turbinen und Generatoren
Im Krafthaus wurden zwei vertikal eingebaute Kaplan-Turbinen von J.M. Voith in St. Pölten mit einer Ausbauleistung von je 27.287 kW und einem Durchfluss von 145 m³/sec. eingebaut. Unmittelbar darüber befinden sich zwei direkt gekuppelte Generatoren verschiedener Bauart: einerseits ein 32.000 kVA-Einphasen-Drehstromgenerator (Bahnstrom) der Elin-Union AG Wien mit einer Nennfrequenz von 16 2/3 Hz, andererseits ein 31.400 kVA-Drehstrom-Synchrongenerator von der Wiener Starkstromwerke Ges.m.b.H. (WSW) mit der Verbund-Standardfrequenz von 50 Hz. Für die Notstromversorgung des Werks steht ein Dieselaggregat von Mercedes-Benz, Wien bereit.

Transformatoren
Für die Transformation des Einphasenstroms von 8,6 auf 120 kV steht ein 32.000 kVA-Einphasenstrom-Transformator von der Elin-Union bereit. Die Ableitung der gewonnenen Energie erfolgt über eine Einschleifung einer ÖBB-Leitung an der Westseite des Bauwerks. Die Hochspannung des Drehstroms von 6,3 kV auf 110 kV wird von einem 31.400 kVA-Transformator von der Wiener Starkstromwerke GesmbH. übernommen. Über ein östlich des Krafthauses stehendes Schaltwerk der Energie AG wird die gewonnene Energie in das oberösterreichische Regionalnetz eingespeist. Die Eigenbedarfsversorgung wird über einen 500 kVA-Transformator gewährleistet, der die im Wehrkraftwerk Thurnsdorf erzeugte Energie von 20 kV auf 0,4 kV niederspannt. Für die Notstromversorgung steht ein Dieselaggregat mit einem 250 kVA-Generator bereit.

Hubwerke
Die Maschinenhalle wird von zwei Brückenkränen von Waagner Biró aus Wien bestrichen. Zusätzlich zu den 95 t-Haupthubwerken besitzt einer der Kräne einen 5 t-Elektrozug. Die Werkstätte wurde mit einem 3 t-Handlaufkran ausgerüstet. Für das Versetzen der Oberwasser-Notverschlüsse dient ein 18 t-Hubwerk am Putzwagen der Rechenreinigungsmaschine.

Rechenreinigung
Die Reinigung der Einlaufrechens (Rechenstab-Lichte 116 mm) wird von einer fahrbaren, in Portalbauweise ausgeführten Rechenreinigungsmaschinen von der VÖEST Alpine aus Linz durchgeführt. Das Schwemmgut wird von der Putzharke in einen unter dem Portal stehenden LKW-Anhänger abgeworfen. Größere Mengen können mit Hilfe eines Schwemmzeugrechens zur ostseitig angeordneten Überfallklappe verschoben werden, von wo es durch teilweises umlegen der Klappe über einen Spülkanal ins Unterwasser abgeführt wird