Laufkraftwerk Passau-Ingling

Das VERBUND-Kraftwerk Passau-Ingling ist ein Laufkraftwerk am Inn und zwischen den Gemeinden Schardenberg (Oberösterreich) und Passau (Bayern) gelegen.

Technische Beschreibung

Das Kraftwerk Passau-Ingling wurde als unterstes Glied einer Kette von vier bereits fertiggestellten Kraftwerken am unteren Inn in den Jahren 1962 bis 1965 gebaut. Wehr und Krafthaus sind senkrecht zur Flussachse in einer Flucht angebracht, wobei die Wehranlage auf der österreichischen und das Krafthaus auf der bayerischen Flussseite liegen. Im Kraftwerk sind vier Kaplan-Turbinen mit senkrechter Welle installiert. Direkt auf der Turbinenwelle ist jeweils ein Drehstrom-Synchrongenerator angeordnet. Im jährlichen Durchschnitt werden so rund 505 GWh Strom erzeugt. 

Auf einen Blick:

Eigentümer: Österreichisch-Bayerische Kraftwerke Aktiengesellschaft 
Betreiber: Grenzkraftwerke GmbH
Inbetriebnahme: 1966
Typ:  Laufkraftwerk
Region:

Deutschland, Bayern
Österreich, Oberösterreich

Gewässer: Inn
Leistung: 86,4 MW
Jahreserzeugung: 504.700 MWh
Turbinen: Kaplan (4)
Fischwanderhilfen:                      nein

Weitere Informationen

Das Inn-Kraftwerk Passau-Ingling stellt das einzige Werk an diesem Grenzfluss dar, dessen ungefähre Lage und Ausführung in allen Rahmenplänen seit 1908 vorgesehen war. Zur Ausführung kam schließlich der von der Siemens-Schuckertwerke AG und der Innwerke AG ausgearbeitete Rahmenplan für den Ausbau des unteren Inn. Passau war somit die fünfte Stufe zwischen der Salzach-Mündung und der Mündung des Inn in die Donau.

Der Beschluss zum Bau erfolgte am 6. Oktober 1961 vom Aufsichtsrat der Österreichisch-Bayerischen Kraftwerke AG (ÖBK). Die Lage wurde bei Strom-km 4,2 festgelegt, da nur an dieser Stelle der Fluss eine Breite aufwies, die sowohl Krafthaus als auch Wehranlage ohne nennenswerte Verbreiterung aufnehmen konnte. Geologische Voruntersuchungen zeigten, dass bis auf einige Störungszonen im Bereich der Wehranlage durchgehend mittelkörnige Mischgneise und Mischgranite eine problemlose Fundierung des Kraftwerks ermöglichten. Im Frühjahr 1962 wurden bereits kleinere Vorarbeiten vorgenommen, im Juli erfolgte die Vergabe des Hauptbauloses an eine Arge bestehend aus drei deutschen und drei österreichischen Firmen. Im Rahmen der Baustellenerschließung musste entlang des deutschen Innufers ab Mai 1962 eine 1,5 km lange Zufahrtsstraße für Schwerlasten von Passau aus gebaut werden. Da auf dem Inn keine Groß-Schifffahrt mehr betrieben wurde, war in dem Projekt keine Schleusenanlage vorgesehen. Am rechten Ufer wurde jedoch eine spätere Nachrüstungsmöglichkeit eingeplant.

Die Bauarbeiten begannen auf der österreichischen Seite mit der Errichtung einer Arbeitsbrücke und der Umspundung der Baugrube A im Oktober 1962. Im Verlauf der folgenden Jahres konnten die östlichen vier Wehrfelder betoniert und mit Wehrbrücken versehen werden. Der dafür notwendige Fertigbeton wurde von der benachbarten Betonfabrik mit einer Stundenleistung von 70 m³ geliefert. Der höchste Beschäftigungsstand auf der Baustelle wurde im April 1963 mit etwa 1.000 Arbeitern registriert. Im Oktober 1963 wurden die Baugrubenumschließung gezogen und die westliche Baugrube B für das Krafthaus und das fünfte Wehrfeld umspundet und leergepumpt. Im Jänner 1964 begannen die Aushubarbeiten für die Fundamente, ab April wurde mit dem Betonieren der Fundamente für das Krafthaus sowie der Einlauf- und der Saugrohrsohlen begonnen. Mit der Turbinen-Vormontage konnte im Juli 1964 begonnen werden, die Flutung der Baugrube B fand im April 1965 statt.

Bereits zwei Monate vor dem Plan erfolgte das Andrehen der Maschine 1 am 17. Juli 1965 statt. Die weiteren Turbinen folgten am 27. August und am 2. November 1965 sowie die Maschine 4 am 4. Februar 1966. Mit dem Abschluss der letzten Ufer-Sicherungsmassnahmen im März 1966 wurden die Bauarbeiten beendet.

Die Lage direkt an der Staatsgrenze zwischen Österreich und Deutschland machte die Einrichtung einer abgezäunten Enklave notwendig, deren Zugänge von Grenzpolizisten beider Länder während der gesamten Bauzeit überwacht wurden. Auf der deutschen Seite wurde nicht nur das Krafthaus situiert, sondern auch die Bauleitung, Arbeiter-Wohnlager, Werkstätten, die Kiesaufbereitung und die Betonfabrik, weil sich die Bahngleise der Strecke Wien-Passau auf der österreichischen Seite nur 70 m vom Flussufer entfernt befanden. Diese Bahnlinie erforderte auch im Rückstaubereich umfangreiche Vorschüttungen, um bei erhöhtem Wasserstand im Staubereich ein Abrutschen der Bahndämme zu verhindern. Fünf Pumpwerke mussten zur Regulierung der Wasserhaltung gebaut werden. Im Ortsgebiet von Wernstein wurde ein Schutzdamm errichtet, der den Abriss einiger Wohnhäuser in Ufernähe erforderlich machte. Für die Bewohner dieser Bauwerke wurden von der Österreichisch-Bayerischen Kraftwerke AG Ersatzbauten zur Verfügung gestellt. Ebenfalls noch im Rahmen der Vorarbeiten errichtete der Bauherr eine Werkskolonie bestehend aus zwei Reihenhausriegeln neben der geplanten Freiluft-Schaltanlage, die während der Bauzeit als Unterkunft für die Arbeiter diente.

Mitte der 1980er-Jahre erfolgte der Zubau von sechs Garagen neben dem Betriebsgebäude, 2000 die Errichtung einer Unterwasserbrücke als öffentlicher Rad- und Fußgänger-Übergang auf Kosten der benachbarten Gemeinden. Seit dem Jahr 1999 wird das Kraftwerk Passau-Ingling von der Grenzkraftwerke GmbH. geführt und vom Leitkraftwerk Braunau-Simbach ferngesteuert.
 
Planung: Innwerk AG, Bauabteilung unter Baudirektor Dirrigl. Örtliche Bauaufsicht durch die ÖBK.

Ausführung Hauptbauwerke: ARGE (Österreich: Rella & Co., Wien. Innerebner & Mayer, Innsbruck. Universale Hoch- und Tiefbau AG, Wien.

Deutschland: Philipp Holzmann AG, München. Leonhard Moll KG, München, Sager & Woerner, München). 

Nebenbaulose: Hinteregger & Söhne, Hilti & Jehle, Kallinger, Kapsreiter GmbH., Polensky & Zöllner, Ferro-Betonit-Werke AG, Capellaro, Riepl, Kunz & Co.
 
Das Laufkraftwerk Passau-Ingling liegt südlich von Passau, etwa 6 km flussabwärts der als "Vornbacher Enge" bezeichneten schmalen Schlucht des Inn-Durchbruchs durch das Grundgebirge der Böhmischen Masse. Es ist das letzte Kraftwerk am Inn vor seiner Mündung in die Donau. Die Zufahrt erfolgt am linken, bayerischen Flussufer über einen von der Bundesstraße 12 abzweigenden Zubringer.
Das Kraftwerk ist senkrecht zur Flussachse situiert und besteht aus einem am linken Flussufer anliegenden Krafthaus und einer bis zum rechten Ufer reichenden Wehranlage. Am linken Ufer befindet sich der Vorplatz mit Betriebsgebäude, sowie das Schalthaus mit einer Freiluft-Schaltanlage.

- Krafthaus:
Das in Flachbauweise ohne Maschinenhalle ausgeführte Krafthaus beherbergt die vier Maschinensätze und am linken Ufer anschließend den Montageraum, Werkstätten und Lager. Es ist ohne Montageraum 95,50 m lang und 21,70 m breit. Bei einer Gesamthöhe von etwa 30 m ragt es im Durchschnitt 16,50 m über dem Spiegel des Unterwassers auf. Sein Flachdach ist in die Kraftwerksbrücke integriert. Die Unterwasser-Seite ist als Hauptansicht gestaltet. Im Unterbau befinden sich zwischen abgeschrägten Pfeilern massive Betonmauern über den Ausläufern der Turbinen. Ein auf den Pfeilern ruhender Übergang führt vom linken Ufer zum Trennpfeiler und setzt sich im Rad- und Gehweg über die Wehranlage fort. Darüber erhebt sich die Krafthausfassade, deren Sichtbetonwand eine gestockte Oberfläche aufweist. Die hochrechteckigen Fensteröffnungen sind mit Werksteinen umrahmt und reichen nahezu über die gesamte Fassadenhöhe. Die in vier Felder unterteilten Fenster belichten den dahinter situierten Hauptbedienungsgang. In das Flachdach mit vorkragender Traufe sind über dem Montageraum und den Maschinensätzen Montagehauben eingebaut.

Der Hauptbedienungsgang wird am linken Ufer über dreiteilige Falttore an der Unterwasser-Fassade oder über eine Verbindungstür vom Betriebsgebäude aus erschlossen. Gegen die oberwasserseitig anschließenden Räume ist er durch eine Wand getrennt, die durch großzügig dimensionierte Fenster- und Türöffnungen durchbrochen wird. Hinter diesen befinden sich am rechten Ufer Räume für Lager, Werkstätten und Montage, die mittels Falttore zum Hauptbedienungsgang geöffnet sind. Anschließend folgen die auf quadratischem Grundriss errichteten Einhausungen der Maschinensätze, deren Ebenen mittels Treppenauf- und -abgängen erschlossen werden. Unmittelbar oberhalb der Generatoren befinden sich die zweiteiligen, flachen Pyramiden der Stahlhauben. Zwischen den Maschinensätzen sind auf der Ebene des Hauptbedienungsganges die Regler- und Umformerräume mit den Leitständen und Betriebswindkesseln angeordnet, die sich in ihrer ganzen Breite gegen den Gang öffnen und mit einer Betonrippendecke abgeschlossen sind. An der Oberwasser-Seite der Maschinenschächte liegen der Kabelgang und der Umformergang. 

- Trennpfeiler:
Der Trennpfeiler ist 7 m breit, sein lang gezogener Unterwasserfuß besitzt einen halbrunden Abschluss. 

- Wehr: 
Das Wehr besteht aus fünf Feldern mit einer lichten Weite von je 23 m und einer Höhe von 14,2 m. Die Wehrpfeiler sind 6 m breit und 38,65 m lang, an der Oberwasser-Seite halbrund und an der Unterwasser-Seite stumpf abgeschlossen. Die sechs quaderförmigen Windenhäuser sind als transparente, aus Stahl-Glaskonstruktionen bestehende Hüllen für die Antriebe der Wehrschützen ausgeführt. 

- Kraftwerksbrücke:
Die Kraftwerksbrücke wird von zwei Portalkränen bestrichen. Ein nachträglich errichteter Rad- und Gehweg führt in einer Schräge vom Unterwasser des rechten Ufers zum Kopf des ersten Wehrpfeilers und weiter entlang der Wehranlage bis zum Trennpfeiler, wo er durch den Übergang vor dem Krafthaus fortgesetzt wird. Am rechten Ufer ist je ein Dammtafel-Lagerplatz an Ober- und Unterwasser-Seite angeordnet.

- Betriebsgebäude und Schalthaus:
Beide Gebäude sind auf rechteckigem Grundriss errichtet. Sie besitzen ein flaches Walmdach und glatte Außenflächen mit grob verriebenem, weiß gestrichenem Putz, die von hochrechteckige Fensteröffnungen durchbrochen werden. Fenster- und Türöffnungen sind mit Natursteinen umrahmt, die Fenster sind mit Wendeflügeln ausgestattet. Das eingeschoßige Betriebsgebäude schließt im rechten Winkel an das Krafthaus an. Neben der Verbindungswand zum Hauptbedienungsgang ist eine über die gesamte Breite des Gebäudes durchgebundene Halle situiert, die auf beiden Seiten mit einer wandhohen Stahl-Glas-Verkleidung mit integrierter, zweiflügeliger Eingangstür abgeschlossen ist. Vom Vorraum erschließt ein nach Osten abzweigender, zweihüftiger Gang Büro- und Aufenthaltsräume. Nach Westen führt eine zweiflügelige Verbindungstür zum Hauptbedienungsgang. Das Schalthaus steht auf einer erhöhten Plattform frei am westlichen Rand des Kraftwerks senkrecht zur Kraftwerksachse und wird durch eine zweiflügelige Eingangstür an der östlichen Längsfassade erschlossen. Im Erdgeschoß befinden sich der Befehlsraum der Warte mit Blickkontakt zur nördlich anschließenden Freiluft-Schaltanlage und Werkstätten. Das Kellergeschoß des Schalthauses wird für Archivzwecke genutzt.

Nördlich der Freiluft-Schaltanlage ist am linken Ufer die aus zwei Reihenhauszeilen zu je neun Einheiten bestehende Werkskolonie situiert. Im Verlauf des etwa 14,6 m langen Stauraumes befinden sich fünf Pumpwerke.
 
Krafthaus:
Der Unterbau des Krafthauses ist als Stahlbetonkonstruktion ausgeführt, wobei die Betonblöcke der Maschinensätze voneinander mittels durchgehender Fugen getrennt sind. Die Hochbauteile wurden in Stahlbetonwänden und mit Stahlbetonstützen und -decken ausgeführt. In das Dach sind zweiteilige, verschiebbare Stahlhauben integriert. Der Bodenbelag im Hauptbedienungsgang besteht aus hellbraunen Kunststein-Platten, die übrigen Bodenbeläge sind großteils aus unterschiedlich gefärbten Terrazzoplatten, in den Werkstätten aus Holzstöckelpflaster ausgeführt.

Wehr:
Wehrsohlen und Wehrpfeiler sind in Stahlbeton hergestellt. Die Windwerkshäuser wurden über einem Sockel aus Granitsteinen als Stahlkonstruktionen mit Strukturglasfeldern und Dächern aus Stahlblechen ausgeführt. 

Kraftwerksbrücke:
Auf den Wehrpfeilern ruhen Stahlträger, die den Kransteg tragen. Die Bordsteine der Kraftwerksbrücke bestehen aus Granit, die Oberfläche der Brücke wurde asphaltiert. Der nachträglich angebaute Rad- und Gehweg ruht auf Stahlträgern und ist mit einem Stahlgitterboden ausgestattet.

Betriebsgebäude und Schalthaus:
Wände und Decken sind aus Stahlbeton hergestellt, die Wände außen und innen verputzt und gestrichen, das Dach erhielt eine Deckung aus Kupferblech-Bahnen. Original erhalten sind die Wendeflügel-Fenster mit Aluminium-Rahmen und Doppelverglasung, die Aluminium-Türen sind mit Glasfeldern versehen, der Bodenbelag besteht aus hellbraunen Kunststein-Platten, dessen Aussehen mit Solnhofener Platten vergleichbar ist
 
Turbinen und Generatoren:
Vier Kaplan-Turbinen mit vertikaler Welle und einer Höchstleistung von 22,2 MW wurden von einer Arge aus Voith Heidenheim und Voith St. Pölten hergestellt. Die vier direkt gekuppelten Drehstrom-Synchrongeneratoren von Siemens-Schuckert aus Berlin und Elin aus Weiz verfügen über eine Nennleistung von 27 MVA. Der schwerste Einzelteil des Kraftwerks, das Polrad des Generators, wiegt 165 t, der Stator 88 t.

Transformatoren:
Der erzeugte Strom wird durch vier Hochspannungs-Haupttransformatoren, erzeugt von der Starkstrom-Gerätebau GmbH. Regensburg, von 10,5 kV auf 110 kV hochgespannt und über die Freiluft-Schaltanlage an eine 110 kV-Leitungen auf österreichischer und zwei auf bayerischer Seite abgegeben. Die Eigenbedarfsversorgung (EB) des Werks wird durch zwei 1.250 kVA-Transformatoren gewährleistet.

Wehranlage
Fünf Wehrfelder mit je 23 m lichter Weite sind mit Doppelhakenschützen mit je 14,2 m Verschlusshöhe ausgestattet. Die Wehrschützen, Baujahr 1964, sind geschweißte Stahlkonstruktionen und wurden von der VÖEST Alpine AG in Linz hergestellt. Der Antrieb der Schützen erfolgt über Wehrketten, die durch Elektromotoren über mechanische Getriebe mit Ölbadschmierung angetrieben werden. Die Stromversorgung erfolgt über ein redundantes System vom Werk aus, für den Ausfall dieses Systems steht ein Notstrom-Dieselaggregat bereit.

Hubwerke:
Zwei Portalkrane mit vier Hubwerken - je einem zu 50/20 t, einem zu 10 t und zwei zu je 5 t Traglast, die die gesamte Anlage bestreichen, wurden von Waagner-Biró, Wien geliefert. Ein Deckenkran in der Montagehalle, hergestellt von Demag, ermöglicht das Manipulieren von Lasten bis zu 5 t.

Rechenreinigung:
J. M. Voith lieferte 1965 die Rechenreinigungsanlage für die Turbineneinläufe. Das Treibgut wird von einem Schlitten in Schienenwägen befördert und danach auf einem oberwasserseitigen Geschwemselplatz zwischengelagert, bevor es von privaten Firmen entsorgt wird.

Pumpwerke:
Im Rückstauraum sorgen drei Pumpwerke auf der bayerischen und zwei auf der österreichischen Seite im Großraum von Schärding-Neuhaus für die Rückleitung von Sickerwässern von der Luftseite der Dämme in den Staubereich. Die hierfür verwendeten Unterwasser-Motorpumpen werden mit 380 V gespeist.
 

Querschnitte des Kraftwerks:

VERBUND-Kraftwerk Passau-Ingling Querschnitt Krafthaus
Querschnitt: Kraftwerk Passau-Ingling Krafthaus
VERBUND-Kraftwerk Passau-Ingling Querschnitt Wehr
Querschnitt: Kraftwerk Passau-Ingling Wehr