Speicherkraftwerk Reißeck Jahresspeicher

Das VERBUND-Kraftwerk Reißeck ist ein Speicherkraftwerk und in der Gemeinde Kolbnitz in Kärnten gelegen. Es wurde von 1947 bis 1961 erbaut.

Technische Beschreibung 

Das Jahresspeicherwerk Reißeck ist das Kernstück der aus drei Stufen bestehenden Kraftwerksanlage. Zur Speicherung des Wassers werden natürliche Karseen auf dem Seenplateau des Reißeck-Massives herangezogen.
An vier dieser hochalpinen Seen wurden Staumauern und Dämme errichtet. Das Fassungsvermögen der Seen wurde dadurch von 5,4 auf insgesamt 17,2 Millionen m3 erhöht. 

Auf einen Blick:

Eigentümer: VERBUND Hydro Power GmbH
Betreiber: VERBUND Hydro Power GmbH
Inbetriebnahme: 1962
Typ:  Speicherkraft
Region: Österreich, Kärnten
Gewässer: Möll
Leistung: 68 MW
Jahreserzeugung: 54.800 MWh
Turbinen: Pelton (3)
Fischwanderhilfen: nein

Querschnitt:

VERBUND-Kraftwerk Reisseck Sperre Großer Mühldorfer See
Querschnitt: Kraftwerk Reißeck, Sperre Großer Mühldorfer See

Detailinformationen zu Geschichte, Bau und Technik

Die ersten Überlegungen, im Bereich der Reißeck-Gruppe Kraftwerksanlagen zu errichten, stammen bereits aus dem Jahre 1898. Das erste professionelle Konzept für die Ausnutzung der Wasserkraft im Bereich der Mühldorfer Seen und des Mühldorfer Seebaches wurde 1921-24 von Franz Friedrich Wallack im Auftrag der Treibacher Chemische Werke GesmbH. (TCW) entwickelt. Realisiert wurde von den geplanten Speichern am Reißeck-Plateau und der daran anschließenden dreistufigen Nutzung des Mühldorfer Seebaches nur die unterste Stufe: Das Laufkraftwerk Mühldorf, 1922-24 erbaut, sollte die vorläufige Versorgung der Umgebung wahrnehmen und den Baustrom für die weiteren Kraftwerksbauten liefern.
 
Weiterführende Planungen gab es durch die Allgemeine Elektricitätsgesellschaft (AEG) und nach 1938 durch die Alpen-Elektrowerke AG (AEW) zusammen mit der TCW-Tochter Mühldorfer Wasserkraftwerke AG (MÜWAG). Realisiert wurde damals jedoch noch keine der geplanten Speicherstufen.
 
Die Arbeiten am Lauf- und Jahresspeicherkraftwerk Reißeck begannen 1947 nach dem Baubeschluss im Mai durch die Kärntner Elektrizitäts-AG (KELAG). Im September 1948 erwarb die Österreichische Draukraftwerke AG (ÖDK) die im Anfangsstadium stehende Anlage und änderte das Konzept auf eine reine Speichernutzung der Karseen am Reißeck-Plateau ab.
 
Unter der Bauleitung von Wilhelm Steinböck wurden ab März 1953 zuerst die Sperren beim Großen und Kleinen Mühldorfersee, beim Radl- sowie beim Hochalmsee gebaut. Die Versorgung mit Baustoffen erfolgte mittels eines Schleppgleises vom Bahnhof Kolbnitz zur Talstation der Schrägaufzüge. Nach dem Umladen konnten die Materialien mit einem provisorischen Hilfsschrägaufzug über zwei Sektionen bis zur Hattelberger Alm und von dort über ein Rollgleis zum Mühldorfer Graben transportiert werden. Die letzte Strecke bis zu den Baustellen am Seenplateau auf über 2.200 Höhenmetern wurde mit einer Pendelseilbahn zurück gelegt. Nach der Fertigstellung der drei Sektionen des neuen Schrägaufzuges zum Schoberboden und dem Ausbau des Rohrstollens durch die Kammwand mit einer Horizontalbahn war eine geschlossene Gleisverbindung vom Bahnhof im Tal bis zu den Baustellen gewährleistet.
 
Technische Besonderheit bei der Errichtung der beiden Sperren Großer und Kleiner Mühldorfer See war die in Österreich erstmalige Verwendung einer verlorenen Betonschalung für ein Sperrenbauwerk. Die rippenverstärkten Stahlbetonplatten, die etwa 30.000 m² Fläche bedecken mussten, wurden in einer eigens auf dem Seenplateau errichteten Plattenfabrik mit den französischen Vakuumverfahren gegossen, getrocknet, an geplanter Stelle verankert und anschließend die Zwischenräume mit Ortbeton vergossen. Sie dienten nicht nur als Schalung, sondern gleichzeitig als wasserdichte und frostbeständige Außenhaut des Sperrenbauwerks.
 
Um bereits während des Sperrenbaus das vorhandene Wasser des Großen Mühldorfer Sees energietechnisch nutzen zu können, wurde der Seeanstich im Bauzeitplan vorverlegt, damit das Seewasser in den niederschlagsschwachen Wintermonaten in den Mühldorfer Seebach abgelassen und so dem Tagesspeicherwerk Reißeck zugeführt werden konnte.
 
Große Materialprobleme während des Baus in der Nachkriegszeit waren ausschlaggebend für einen langsamen Baufortschritt. Durch die Nutzung von Synergieeffekten zwischen den vier Sperrenbaustellen, etwa durch eine gemeinsame Betonfabrik beim Großen Mühldorfer See mit einer Schichtleistung von 350 m³ konnte einiges an Bauzeit eingespart werden. Das Kraftwerk ging 1957 mit den zwei Maschinensätzen im Krafthaus Kolbnitz im Jänner und den Pumpen der Pumpstation Hattelberg im Oktober in Betrieb.
 
Das Jahresspeicherkraftwerk Reißeck war zum Zeitpunkt seiner Errichtung das Werk mit der höchsten Rohfallhöhe der Welt. Auch die Eisenbahn, die bis 1953 für den Materialtransport vom Schoberboden durch einen Tunnel durch die Kammwand unterhalb der Schoberspitze zu den Mühldorfer Seen errichtet wurde, war damals mit rund 2.300 Höhenmetern eine der höchstgelegenen Eisenbahnanlagen Europas. 
Planung und Bauleitung: Wilhelm Steinböck (ÖDK)

Ausführung: Arge Staumauern Mühldorfer Seen (Universale, Wien. Teiml & Spitzy, Graz. R. Oberranzmeyer, Innsbruck). Oberer Hauptstollen u. Steindamm Radlsee: Porr. Schrägaufzüge: Waagner-Biró, Wien.
 

Das Jahresspeicherkraftwerk Reißeck setzt sich aus den Speicherseen in der Reißeck-Gruppe und dem Krafthaus in Kolbnitz zusammen, in dem auch das Wasser der Tagesspeicherwerke Reißeck und Kreuzeck abgearbeitet werden. Die sechs Speicherseen Großer u. kleiner Mühldorfer See, Radl-, Kessele-, Quarz- u. Hochalmsee liegen im Bereich des Zaubernocks, des Großen Reißecks und der Hohen Leiter, die den höchsten Bereich der Reißeckgruppe darstellen. Das Triebwasser wird aus allen Seen, deren Kapaziäten durch Sperren und Dämme erhöht wurden, neben dem Berghotel Reißeck gesammelt und von dort durch einen Triebwasserstollen durch die Kammwand zum Schoberboden geleitet. Dort befindet sich in 2.237 m Höhe die Bergstation der Reißeckbahn und der Beginn des Druckstollens, welcher über einen Höhenunterschied von 1.772,5 m zum Krafthaus in Kolbnitz führt. Dort wird das Wasser in den zwei Maschinensätzen des dritten Blocks abgearbeitet.

Der größte Speichersee auf dem Reißeck-Plateau ist der Große Mühldorfer See mit 7,8 Mio. m³ Nutzinhalt, dessen Speicherinhalt erst durch die 46,5 m hohe Sperre Großer Mühldorfer See erzielt werden kann. Sie ist das höchste Sperrenbauwerk des Jahresspeichers Reißeck und hebt sich durch ein leicht zur Luftseite hin gekrümmtes Südende von den anderen Gewichtsmauern ab. Der Große Mühldorfer See hat mit 2.319 Höhenmetern auch das niedrigste Stauziel der Gruppe. Zur Überwachung der Sperre und aus Gründen der Materialersparnis führt im Zentrum des Bauwerks ein großdimensionierter elliptisch eingewölbter Hohlgang über elf Blöcke mit einer Gesamtlänge von 154 m. Neben der Hauptsperre wurden zusätzlich zwei kleine Schüttdämme nordwestlich der Sperre errichtet.

Unmittelbar nordwestlich liegt der Speicher Kleiner Mühldorfer See. Er ist ein Jahresspeicher mit einem Nutzinhalt von 2,8 Mio. m³ und wird durch die Gewichtsmauer Kleiner Mühldorfer See mit 41 m Höhe gebildet. Etwa 1,5 km nördlich wurde mit Hilfe einer 24 m hohen Gewichtsmauer und eines 8,75 m hohen Schüttdammes mit Betonkern der Jahresspeicher Hochalmsee mit 4,1 Mio. m³ Nutzinhalt aufgestaut. Der vierte große Speichersee ist der Radlsee mit 2,5 Mio. m³ Nutzinhalt, gebildet durch einen 16,2 m hohen Schüttdamm mit Betonkern.

Die restlichen zwei Seen - Kessele- und Quarzsee - sind natürliche Karseen und wurden nicht durch Sperren oder Dämme bezogen auf den Speicherinhalt vergrößert.

Über die Pumpstation Hattelberg ist das Jahresspeicherkraftwerk mit dem Tagesspeicher Reißeck hydraulisch verbunden, indem Wasser von den Bachfassungen und dem Speicher Gondelwiese des Tagesspeicherwerks mittels Pumpen in die 1.200 m höher gelegenen Karseen auf dem Reißeck-Plateau gepumpt werden kann.

Die Pumpstation Hattelberg entspricht gestalterisch dem Gesamtkonzept der Kraftwerksgruppe Reißeck-Kreuzeck: Walmdach mit Eternit-Schindeldeckung und mit Bruchsteinen aus dem Mühldorfer Graben verkleidete Außenwände. Die Talseite weist zehn hochrechteckige Fensteröffnungen auf, die den Maschinenraum ausreichend belichten. Man betritt das Gebäude von Westen und befindet sich im ersten Obergeschoß. Links befindet sich eine halb-gewendelte Treppe als Verbindung zwischen den Geschoßen. Die Halle selbst ist dreigeschoßig und besitzt eine Empore mit den Steuereinrichtungen an der Bergseite. Im zweiten Obergeschoß liegen Personal- und Büroräumlichkeiten und an der Bergseite des Baus befinden sich die Lüftungen für die Motoren.

Zur Erschließung der Anlagen auf dem Schoberboden und dem Reißeck-Kar wurden drei Standseilbahnen und eine Schmalspur-Höhenbahn errichtet. Die drei Sektionen der Seilbahn sind annähernd gleich lang, verlaufen parallel zur Druckrohrleitung und werden von Seilwinden oberhalb der jeweiligen Bergstationen angetrieben. Die unteren beiden Windenhäuser weisen jeweils eine Maschinenhalle mit Hallenkran im talseitigen und Personalräume mit Notquartieren im bergseitigen Bereich auf, wobei dieser Teil zweigeschoßig ausgeführt ist.

Die Apparatekammer am Schoberboden dient als Steuereinrichtung für den Druckstollen und als Umstiegstelle von der dritten Sektion des Schrägaufzuges in die Höhenbahn. An der Bergseite befindet sich eine Remise für die Bahngarnituren und die Schneeräumgeräte. An der Rückwand liegt der Zugang zum Stollen mit der Druckrohrleitung. Im Inneren des Bauwerks befinden sich ein Warteraum für Fahrgäste sowie Betriebsräumlichkeiten, die zur Apparatekammer gehören.

Einige Meter westlich des Betriebsgebäudes wurde von Architekt Horst Brudermann ein Denkmal für die beim Bau ums Leben gekommenen Arbeiter errichtet. Es besteht ebenso wie die Windenhäuser aus unregelmäßigen Natursteinen aus dem Mühldorfer Graben und trägt die Inschrift "Dem Gedenken der beim Kraftwerksbau tödlich verunglückten".

Das Berghotel Reißeck wurde im Anschluss an den Kraftwerksbau für touristische Zwecke errichtet und 1969 eröffnet. Es besteht aus einem Gaststättentrakt mit darunter liegendem Bahnhof der Höhenbahn im Süden, einem Hallenschwimmbad im Norden und einem viergeschoßigen Bettentrakt als Verbindungsglied dazwischen. Im östlich anschließenden Schieberhaus befinden sich die Unterkünfte für das Sperrenpersonal.

Als Sperrenbauwerke am Reißeck-Plateau verwendete man Gewichtsmauern für die Sperre Großer Mühldorfer See mit 46,5 m, Kleiner Mühldorfer See mit 41 m und Hochalmsee mit 24 m Kronenhöhe. Die Sperren Hochalmsee mit 8,75 m sowie Radlsee mit 16,2 m Kronenhöhe sind Schüttdämme mit Betonkern. Als Schalung verwendete man luft- und wasserseitig 6 cm dicke und durchschnittlich 3,3 m² große Betonplatten, die durch Rippen verstärkt sind und vor dem Betonieren verankert wurden. Sie dienen zusätzlich bis heute als wasser- und frostsicherer Oberflächenschutz.

Die Druckrohrleitung, die vom Wasserschloss am Schoberboden zum Krafthaus Kolbnitz führt und im unteren Teil parallel zur Leitung des Tagesspeichers Reißeck verläuft, wurde abschnittsweise von verschiedenen Firmen geliefert: Voest Stahlbau Linz, Waagner-Biró Graz, Terni Rom, Acciaieria e Tubificio di Brescia und Gebrüder Sulzer Winterthur. 

Die Windenhäuser des Schrägaufzugs sind Baugleich, was sich besonders positiv auf die Lagerhaltung von Ersatzteilen für die Maschinenanlagen auswirkt. Die Wände sind als unregelmäßiges Natursteinmauerwerk ausgebildet. Für die Dächer verwendete man bei den beiden unteren Windenhäusern Eternitdeckungen auf Walmdächern mit doppelt stehenden Pfettendachstühlen, beim obersten Windenhaus ein blechgedecktes Flachdach.

Für die Apparatekammer Schoberboden wählte man aus Gründen der exponierten Lage einen einfachen Betonformsteinbau mit Eternitverkleidung und einem flachen Pultdach mit Aluminium-Blechdeckung. 

Das größte Bauwerk der Reißeck-Seite ist die Pumpstation Hattelberg, ein Stahlbetonbau mit außenseitiger Verkleidung mit unregelmäßigen Naturstein-Mauerwerk. 
 

Pumpstation Hattelberg:
Die drei horizontalachsigen, achtstufigen Sulzer Hochdruck-Speicherpumpen, Baujahr 1957, haben eine Förderleistung von je 450 l/sec. bei einer Motorenleistung von je 6.200 kW. Der Hallenkran von Kone ruht auf einer Stahlbeton-Kranbahn und besitzt ein Hubwerk mit 25 t Traglast. 

Vor dem Eingang befindet sich ein 12 t-Kran für das Umladen von Lasten von Fahrzeugen auf den Schrägaufzug.

Schrägaufzug:
Der Schrägaufzug der Wiener Firma Waagner-Biró mit drei annähernd gleich langen Sektionen kann durch Weichenanlagen einzelne Wägen ohne Umladen von der Tal- zur Bergstation transportieren. Die maximale Förderlast beträgt 11 t.